Ein Leipziger Avanturier

Robert Kraft – Kurzbiographie



Robert Kraft wurde am 03. Oktober 1869 in Leipzig geboren.
Er schrieb in der Serie "Die Augen der Sphinx" den folgenden längeren Text über sein Leben und Schreiben.





Nächtliches Ahnen.

Manchmal, wenn eine Eule ruft,
Oder ein Wind geht in den Zweigen,
Oder ein Hund bellt im fernen Gehöft –
Dann muß ich schauernd lauschen und schweigen.”

“Dann flieht meine Seele zurück,
Bis vor zahllos vergessenen Jahren
Der Vogel und der wehende Wind
Mir ähnlich und meine Brüder waren.”

“Dann wird meine Seele ein Baum
Und ein Tier und ein Wolkenweben.
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
Und fragt mich. Wie soll ich ihr Antwort geben?”


Es ist Winternacht, früh um fünf, und schon habe ich drei fleißige Arbeitsstunden hinter mir; denn ich stehe im Sommer wie im Winter früh zwei Uhr auf. Angewohnheit.
Das Ziel meines gewöhnlichen Morgenspazierganges ist erreicht. Ich stehe auf dem Plateau des bewaldeten Stadtberges. Unter mir im Tale liegt das Städtchen, dem ich Steuern entrichte. In den winkligen Gassen spärliche Laternen; jetzt erleuchtet sich hier und da ein Fensterchen: Arbeiter, die sich zum täglichen Frondienst rüsten. Sie kennen mich nicht, ich bin ihnen ein Fremdling, vielleicht auch ein merkwürdiger Kauz – und sie ahnen nicht, wie ich jetzt meine Arme ausbreite, weil ich sie an mein Herz drücken möchte.

Es geht zurück, bergab durch den finstern Wald. Ich brauche keinen Mondschein, keine Laterne, hier kenne ich jeden Schritt. Die schneebedeckten Tannen träumen im Winterschlaf, ich träume mit ihnen.
Nun noch eine Anzahl in den Felsen gehauene Stufen hinab, schon zu meinem Revier gehörend, und ich stehe vor der kleinen, burgähnlichen Villa, die sich auf halber Höhe des Berges erhebt.
Freudig springt mir ein Wolfsspitz entgegen, ein prächtiger Schäferhund schmiegt seinen klugen Kopf an mich, würdevoll erhebt sich ein riesiger Bernhardiner, um ebenfalls den zurückkehrenden Herrn zu begrüßen. Hunde sind der einzige Luxus, den ich mir erlaube. Aber stumm müssen sie sein.
Sie bleiben zurück, um Haus und Herrn zu bewachen. Nachdem ich mich in einem Vorraum der Stiefel und des Mantels entledigt habe, steige ich zum Turmzimmer empor. Es ist eine enge, niedrige Kammer, enthält nur einen Kachelofen, einen alten Großvaterstuhl und einen großen Schreibtisch. Außerdem ziehen sich durch das Zimmer noch mehrere Drähte.
Auf dem Schreibtisch steht eine Schreibmaschine, über deren Walze Papier ohne Ende läuft, das sich durch eine einfache Vorrichtung auch selbsttätig wieder aufrollt. Darüber hängt eine Lampe von besonderer Konstruktion.
Ich setze mich, den Rücken gegen den wohlgeheizten Ofen, verstelle die Lampe, so daß ein ganz kleiner Blendstrahl nur gerade dorthin aufs Papier fällt, wo beim Schreiben auf der Maschine die letzte Schrift zum Vorschein kommt. Sonst ist das Zimmer vollständig dunkel, auch ich sitze so gut wie im Finstern.
Einige Minuten der Sammlung. Dann ziehe ich an einem Drahte. Und da rollt im Hintergrunde ein Vorhang weg, und da liegt, von gelbem Lichte um flossen, eine ungeheure Sphinx, die mich mit rot glühenden Augen anblickt.
Tatsächlich, es scheint ein riesenhaftes Ungeheuer zu sein! Das ist natürlich nur eine perspektivische Täuschung. In Wirklichkeit ist es eine spannenlange Steinfigur mit roten Glasaugen, die sich in einem an der Wand angebrachten Kasten befindet; sie wird von einem versteckten Lämpchen erleuchtet, und durch Drähte kann ich, ohne vom Schreibtisch aufstehen zu müsse, das Ganze hin und her rücken, bis die Täuschung der Perspektive eine vollständige ist.
Für mich ist es eine ungeheure Sphinx, welche dort in weiter, weiter Ferne liegt und mir dennoch handgreiflich nahe. Unverwandt blicke ich sie an, wie sie mich. Und die rotglühenden Augen bohren sich in mein Hirn und brennen mir bis ins Herz. Und dann fangen diese rotglühenden Augen auch zu sprechen an. Unbewußt legen sich meine Finger auf die Tasten der Schreibmaschine. Und so, immer starr in die rotfunkelnden Augen der Sphinx blickend, beginne ich zu schreiben, Stunde um Stunde.
Was ich schreibe? Ich weiß es selbst nicht. Ich schreibe ganz unbewußt. Aber wenn ich es hinterher lese, so hat alles, wie man sagt, Hand und Fuß. So entstehen meine Romane, mit denen ich seit vierzehn Jahren das Publikum unterhalte.
Ich bin ein Trance–Schreiber.
Ich bin ein lebendiger Zeuge dafür, daß es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt!

“Wie sind Sie eigentlich Schriftsteller geworden?
Ist es denn wahr, daß Sie nur Arbeiter, nur Matrose gewesen sind? Ja, wie ist denn das nur möglich?! Sie müssen doch eine höhere Schule besucht haben! Wo her schöpfen Sie denn nur die Stoffe zu Ihren Romanen? Und daß Sie dieses ungeheure Quantum von Gedankenarbeit mit eigner Hand niederschreiben, das ist ja kaum glaubhaft! Wie machen Sie denn das nur?”
So und anders werde ich gefragt, wenn mich einmal jemand fassen kann. Und ich? Gewöhnlich drehe ich dem Frager den Rücken, entsprechende Briefe beantworte ich nicht. Ich bin ein rücksichtsloser Mensch.
So denken jene, welche davon getroffen werden.
Ach, was soll ich ihnen denn antworten?! Ich weiß es ja selbst nicht! Ich möchte ja so gern sprechen, und ich kann doch nicht!
Ich bin ja mir selbst ein Rätsel, wie jeder andre Mensch mir ein geheimnisvolles Rätsel ist, nur die Seele könnte mir Auskunft geben, und die fragt mich erst wieder ....
“...Verwandelt und fremd kehrt sie zurück Und fragt mich. Wie soll ich ihr Antwort geben?”

Nun gut, ich will einmal von mir sprechen, zum ersten Male!
Auf Nebensachen lasse ich mich dabei nicht ein.
Wenn ich einen Mann bewundre, der mich durch seine Leistungen erfreut, was kümmert’s mich, wann und wo er geboren ist, wer seine Eltern gewesen sind, und was für eine Schule er besucht hat, oder gar, ob er zum Frühstück Kaffee oder Tee trinkt! Es gibt Menschen, die das alles wissen wollen. Ich finde das Lächerlich. Für mich gilt nur das Innere, das Gemüt, die Seele.
Ich war ein merkwürdiges Kind. Nicht etwa mit besondern Fähigkeiten ausgestattet. Durchaus nicht. Einsam, menschenscheu, träumerisch, schüchtern – und dann wieder wild bis zum Exzeß.
Diese Doppelnatur äußerte sich auch schon in meinem Aussehen. Ich hatte ein Mädchengesicht, eine schmächtige, sogar schwächliche Gestalt – und dabei war ich immer der beste Turner und Schwimmer, und wenn ich jemals etwas verachtet habe, so war es Feigheit. So etwas wie ‘ausreißen’ gab es bei mir nicht. Habe deshalb von der Übermacht viel Prügel bekommen.
Das sind Äußerlichkeiten, die man einem Menschen ansehen kann. Wie es in mir beschaffen war, wußte
niemand. Niemand ahnte, wie tief, unglücklich ich war.
Wirklich, solange ich mich noch zurückentsinnen kann, bis ins vierte und sogar dritte Lebensjahr, fühlte ich mich unglücklich. Weshalb, wußte ich nicht. Heute weiß ich es, doch mein Mund vermag es nicht auszusprechen, da fehlen die Worte.
Als ich mich später auszubilden begann, mich mit Büchern versah, noch als Matrose an Bord des Schiffes, hatte ich einmal für eine Reise Goethes Werke mitgenommen.
Was für einen gewaltigen, was für einen furchtbaren Eindruck Goethes Faust auf mich gemacht hat, kann ich gar nicht schildern. Ich habe Tag und Nacht geweint. Aber jubelnd! Wie eine Erlösung überkam es mich plötzlich, die ganze Welt hatte sich mit einem Male vor meinen Augen verändert.
Und da läßt Goethe seinen Faust, in jener Szene, wie der lebensmüde Mann durch das Geläute der Osterglocken abgehalten wird, den Giftbecher zu leeren, unter anderm sagen, seiner frühen Jugendzeit gedenkend:

“Ein unbegreiflich holdes Sehnen
Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn,
Und unter tausend heißen Tränen
Ließ ich mir eine Welt entstehn.”

Da, das war ich selbst!!
Doch sagt Faust, weshalb denn als Kind die tausend heißen Tränen? Nein, dieses Warum konnte auch ein Goethe nicht mit Worten ausdrücken. Wolle man es also nicht von mir verlangen.
Kurz, ich war unglücklich, unsagbar unglücklich, schon als kleines Kind.
Wozu bin ich denn eigentlich auf der Welt?
Daß ich mir diese Frage schon im vierten Jahre vorlegte, weiß ich noch ganz genau. Die Spiele meiner Altersgenossen fand ich läppisch, läppisch auch alles das, was uns da der Lehrer vorschwatzte. Wozu das alles? Wozu brauche ich das zu wissen? Einmal muß ich ja doch sterben. Ob es wirklich einen Himmel gibt? Und was soll ich denn im Himmel? Nein, es gibt ja gar keinen Himmel. Das macht uns der Lehrer nur vor, am Biertisch spricht er ganz anders, der glaubt an gar nichts, ebenso wie der Pastor, der Vater hat’s ja gesagt. Wenn der Mensch stirbt, ist er eben tot, wird begraben und von den Würmern gefressen. Ja, weshalb soll ich mich denn da mit den Schularbeiten abplagen? Da ist es doch besser, man fährt gleich ab.
In meinem zehnten Jahre vergiftete ich mich mit Arsenik. Ohne Grund, ohne Vergehen, ohne Strafe fürchten zu müssen. Ich hatte die ganze Geschichte satt bis zum Überdruß.
Ich wurde gerettet. Aber mein Charakter änderte sich nicht.
Die hervorstechende Eigenschaft dieses meines Charakters war ... eine trotzige Verachtung. Eine Verachtung ganz besondrer Art. Einen Menschen habe ich nie verachtet, nicht verachten können. Hierbei will ich gleich noch etwas andres sagen: Haß, Neid, Eifersucht und dergleichen habe ich nie gekannt. Ich finde nicht, daß ich mich deshalb rühme. Ich bin nie ein Tugendbold gewesen, war vielmehr ein wilder Kerl. Habe dann ein ausschweifendes Leben geführt. Jene Empfindungen gehen mir eben ganz ab. Darin sehe ich also nicht etwa eine Tugend. Ebensowenig wie in einem stark entwickelten Mitgefühl.
Mein Herz und mein Geldbeutel haben noch jedem offengestanden, der sich mir hilfsbedürftig näherte, ohne zu fragen, ob er es verdiente oder nicht. Ich muß den niederträchtigsten Verbrecher bemitleiden, ich kann nicht anders. Wiederum habe ich genug Menschen ins Jenseits befördert, ohne daß sich deswegen mein Gewissen beschwert fühlte.
Meine Verachtung schon als Kind erstreckte sich gegen das Leben und alles, was andre in diesem Leben begehrenswert finden. Ein artiges Kind erstrebt das Lob des Lehrers. Ich stellte mich in der Schule dümmer, als ich war, weil ich das Lob des Lehrers verachtete. Tatsache! Ich schwieg oft mit Absicht, machte mit Absicht Fehler. Wenn man müde ist, begehrt man das Bett, womöglich ein recht weiches. Ich legte mich mit Vorliebe neben dem Bett auf den Fußboden nieder, weniger im Sommer, da ist das keine besondre Kunst, sondern im kalten Winter. Mein Butterbrot vertauschte ich in der Schule regelmäßig mit dem trocknen eines andern, nicht etwa aus Mitleid, sondern aus einem undefinierbaren Trotz, aus Verachtung gegen die Butter. – “Habe ich ja gar nicht nötig!”
Und das trieb ich bis ins kleinste. Mit Raffinement suchte ich alles aus, wogegen ich meine Verachtung zeigen konnte. Dazu kam noch ein eigentümliches Schamgefühl, welches ich erst recht nicht definieren kann.
Ich erwähne nur, daß ich mich ganz furchtbar schämte, zum ersten Male mit einem neuen Anzuge ausgehen zu müssen, und wenn ich neue Stiefel bekam oder die alten neu besohlt wurden, dann trat ich erst schnell in eine Pfütze, damit nur ja niemand die neuen, weißen Sohlen sehen möchte.
Daß ich mich meiner spartanischen Enthaltsamkeit nicht rühmte, ist dann ganz selbstverständlich. Ja, ich erzog mich selbst, wie ein Spartaner seinen Sohn, ohne etwas von der lykurgischen Gesetzgebung gehört zu haben.
Hiervon nur ein Beispiel: Es war im Dezember. Um zwölf kam ich aus der Schule, schnell nach Hause, das Essen hinuntergeschlungen, den Ranzen wieder auf den Rücken geschnallt, und nun fort im Dauerlauf nach dem nahen Wald und weiter bis an ein eine Meile weit entferntes Ziel; dort die Kleider herabgerissen und in einem Flusse zwischen Eisschollen ein Bad genommen, wieder angezogen und die Meile zurückgerannt; um zwei Uhr saß ich wieder auf der Schulbank, unschuldig wie immer.
“Na, Kraft, du altes Traumbuch, wovon träumst du denn wieder!” Schnauzte mich dann der Lehrer an. “Das Mittagsschläfchen war wohl zu kurz, was?”
Und als ich verschüchtert zur Seite blickte – ach, wie mir da das Herz vor unnennbarem Stolz schwoll!
“Ha, wenn du Schulmeisterlein wüßtest, was ich in diesen zwei Mittagsstunden geleistet habe!!”
Versteht der geneigte Leser? Ich bin sicher, daß es genug gibt, welche mich verstehen werden.
Das waren dann solche Augenblicke, wo ich durch ein unfaßbares Schicksal zum Trübsinn verdammtes Kind die seligste, stolzeste Freude empfand. Und jetzt, da ich dies schreibe, weine ich.
Der schottische Philosoph Thomas Carlyle, den ich als einen der größten Geister verehre, hat den neun Seligpreisungen der Bergpredigt noch eine zehnte hinzugesetzt: Selig sind die Unbekannten.
Und er hat Recht. Ich hab’s erfaßt, schon als Kind! – – –
“Junge, was willst du denn einmal werden?”
“Gar nischt!” lautete meine regelmäßige Antwort.
Und ich sehe noch, in meinem dreizehnten Jahre, meinen braven Vater mit dem Rücken gegen den Ofen lehnen, wie er kopfschüttelnd zu mir sagte:
”Robert, Robert, um dich habe ich schwere Sorge, wie du dich einmal durchs Leben schlagen sollst!”
Und ich schmächtiges Bürschchen stand da, verschüchtert wie immer, stumm.
Ach, hätte mein Vater mir im Herzen lesen können, was für Pläne ich da hegte! Er hätte aber auch andre Ursachen zum Schreck oder Zorn gehabt. Nämlich, wie ich den guten, alten Mann im Innern meines Herzens auslachte!
Eines Tages rückte ich doch heraus. Ich wollte zur See. Unsinn, gab’s nicht! Ich sollte Schlosser werden, Techniker. Na, mich konnte doch nicht etwa jemand halten. Auf nach Hamburg! Zweimal bracht mich die Polizei zurück, dann gelang es, ich kroch in den Kielraum eines englischen Schiffes, kam erst auf hoher See wieder zum Vorschein. Hierauf wurden die Angelegenheiten des verlorenen Sohnes geordnet. Weg mit ihm!
Ja, erst ein unverbesserlicher Träumer, ein Narr, und dann ein verlorner Sohn!
Was wollte ich? Nicht eigentlich Seemann werden.
Ich suchte in unbewußtem Drange das Glück – jenes Glück, welches hinter den unbekannten Bergen wohnt.
Nun, ich habe diese Berge entdeckt, habe das Glück gefunden.
Ja, ich jauchze es hinaus in alle Welt: ich, ich habe das ewigdauernde Glück gefunden!! Ich bin glücklich von jetzt an bis in alle Ewigkeit, für mich gibt es keine Sorge, keinen Kummer, keine Krankheit, keinen Tod mehr!!
Sind das vermessne Worte? Oder solche des Wahnsinns? Nicht für den, der das weiß, was ich weiß. Und ich weiß, daß es Tausende von Menschen gibt, welche dasselbe wissen. Auch zu ihren Füßen liegt die von ihnen bezwungene Welt. Aber .... Selig sind die Unbekannten! – – – –
Doch so schnell ging das nicht. Ehe ich die Berge entdeckte, hinter denen das Glück wohnt, mußte mich die ewige Vorsehung durch alle Welt jagen und mich dabei tüchtig abschütteln, es war unbedingt nötig.
Es ist hier nicht der Platz, von meinen Erlebnissen zu sprechen. Ich habe alles durchgemacht, was ich später als Volksschriftsteller brauchte: den fürchterlichsten Schiffbruch, wie ein Jugendschriftsteller sich ihn gar nicht aus den Fingern saugen kann; habe um mich herum innerhalb von vierzehn Tagen mehr als tausend Menschen an der Pest und Ruhr sterben sehen; habe in Amerika gemauert und in Australien gezimmert; ich bin von Kalkutta nach Bombay zu Fuß gelaufen und habe in Südafrika die achtspännige Post gefahren; habe auf einem Kabelleger im Mittelmeer getaucht und in Asien Kamele getrieben; habe an der nordamerikanischen Küste gepascht und bin im sudanesischen Feldzuge gewesen; habe wegen Mordverdachtes in einer unterirdischen Kerkerzelle gesessen und mit Fürsten und Milliardären an einem Tische (um nicht der Renommage beschuldigt zu werden: am Spieltisch von Monte Carlo.)!!
Um dies alles durchzumachen, brauchte ich nur sieben Jahre. Denn nur immer rasch, rasch – weiter,
weiter durch die Welt! Ich suchte ja das Glück ... Ohne es vorläufig zu finden.
Als ich einundzwanzig Jahre als war, stellte ich mich in Konstantinopel dem deutschen Konsul wegen der Militärpflicht. Ich hatte es nicht nötig, hatte keine Heimat mehr, auch mein Gewissen drängte mich nicht dazu, aber ... ein Ausreißen hat es bei mir eben nie gegeben.
Ich kam nach Wilhelmshaven zur Marine, Matrosen–Division, wurde mit den Waffen ausgebildet, auch einige Monate an Bord. Vormachen konnte man mir ja nichts. Aber gefallen hat’s mir auch nicht. Ich sah mich immer nach einem sogenannten ‘Bontjen’ um, nach einer selbständigen Stellung.
Einmal wurde vor der Front gefragt, wer gut und richtig schreiben könne. Von den Vortretenden wurde ich auserwählt. Das war eigentlich auch nichts für mich, aber ... nur erst einmal weg von den andern!
Ich kam auf das Zahlmeisteramt. Gleich in den ersten Tagen entdeckte ich – durch Zufall, will ich sagen – einen Rechenfehler, nach dem das ganze Bureau schon seit Wochen suchte. Der erste Zahlmeister nahm mich vor, ich mußte ihm etwas von meinen Erlebnissen erzählen, dann stellte er recht merkwürdige Fragen an mich, forschte so nach, wes Geistes Kind ich sei. Und ich glaube, der alte Herr durchschaute mich.
"He, das ist ja nischt für Sie, kommen Sie mal mit.”
Und er sperrte mich in den Bodenraum der Kaserne, wohin die ausrangierten Bücher aus den
Schiffsbibliotheken kamen. Da sollte ich Staub wischen.
“Aber Sie brauchen sich dabei kein Bein auszureißen.”
Unter diesen Tausenden von alten Schwarten habe ich einsam meine ganze dreijährige Dienstzeit verbracht. Früh hinein und abends heraus. Konnte aber, wenn ich wollte, auch nachts drin bleiben. Frei von allem, brauchte nichts mitzumachen. Ob sich der erste Zahlmeister für mich verwendet hat, weiß ich nicht; um mich gekümmert hat er sich nicht mehr.
Die Schiffsbibliotheken sind nur für die Offiziere bestimmt. Alle Klassiker, die beste Belletristik, auch alle Philosophen waren vertreten. Und das habe ich so ziemlich alles durchgeschmökert, von früh bis abends, auch manche Nacht durch bei der Lampe.
Mit Ausnahme der drei Sommermonate. Da mußte ich als Schwimmlehrer fungieren, hatte mich dazu gemeldet. Ich war nun einmal eine geborne Wasserratte.
Hierbei will ich dem Leser doch ein Mittel angeben, wie er die Wahrheit dieser Angaben prüfen kann.
Wilhelmshaven liegt am Jadebusen, an der
schmalsten Stelle acht Kilometer breit, mit äußerst reißender Ebbe– und Flutströmung. Diesen Busen zu durchschwimmen, ist ständig der Ehrgeiz von guten Schwimmern der Marine gewesen. Schon viele Matrosen und andere hatten es versucht, aber alle mußten aufgeben oder sind, wenn sie kein Begleitboot bei sich hatten, ins Meer hinausgetrieben worden und ertrunken.
Nur einem Offizier ist es gelungen, aber zwischen zwei Booten und bei Ebbe, und in den Köpfen der ganzen Garnison spukte der stolze Traum, daß es bei der viel gefährlicheren Flut und ohne Begleitboot geschehen müsse.
In meinem letzten Dienstjahre erbot ich mich zu dem Versuche. Nachdem ich mich eine Woche lang in der Schwimmschule trainiert hatte, täglich zwei Stunden mit voller Kleidung und Seestiefeln geschwommen war, trat ich die Schwimmfahrt an und durchschwamm die Jade an der breitesten Stelle bei Flut in vier Stunden zehn Minuten am 16. August 1893. Der Bericht hierüber kam am andern Tage in die Wilhelmshavener Zeitung, und das haben kurz darauf wohl alle andern deutschen Zeitungen abgedruckt, und das um so mehr, weil man deswegen noch andere Geschichten mit mir machte, die ich aber hier nicht erwähnen will.
Ich führe das nur deshalb an, weil man mir die Wahrheit nachprüfen kann, in den Zeitungen wird man es finden, so um den 20. August herum des Jahres 1893, etwa im Leipziger Tageblatt, wo ich es zufällig gelesen zu haben mich erinnere. – –
Noch einmal zwischen meine Bücher zurück, dann war meine Dienstzeit beendet.
Wohin nun? Mein Entschluß war gefaßt. Jetzt glaubte ich zu wissen, wo ich das Glück finden könnte. Denn zwischen den alten Schwarten war mir dies nicht etwa gelungen. Nach wie vor war ich ein unglücklicher Mensch, ohne zu wissen, warum. Nur bemerke ich noch, daß ich durch das viele Lesen nicht etwa auf den Gedanken gekommen war, selbst zu Schriftstellern. Keine Ahnung. Ich hatte noch nicht einmal daran gedacht, meine Erlebnisse niederzuschreiben.
Frei sein, absolute Einsamkeit, mich ernähren können, ohne irgendeinen andern Menschen nötig zu haben! Das war es, was ich wünschte, worin ich meinen dunklen Drang nach Glück befriedigen zu können glaubte.
Wer kann so leben? Der Bauer; mehr noch der Hirt; immer mehr noch der Jäger.
Ich wollte freier Jäger werden, der sich nur von seiner Büchse ernährt. Gejagt hatte ich schon viel, in allen Weltteilen. So auch einmal in der ägyptischen Oase Fayum, an dem großen Salzsee Birket el kerun; dort hatte ich einmal einer Treibjagd auf Hyänen beigewohnt, dort hielt ich das einsamste Jägerleben für möglich, dorthin wollte ich wieder, für immer.

Und ich führte es aus. Ich arbeitete mich als Matrose nach Port Said, fuhr nach Kairo hier kaufte ich mir einen ledernen Jagdanzug, einen guten Vorderlader mit Munition und Kugelzange, wanderte nach der Oase Fayum, deren Stadt Medinet heißt. Die Oase ist sehr groß, ernährt gegen 20.000 Menschen, ist aber dennoch eine echte Oase, mitten in der Libyschen Wüste gelegen. Vier Stunden von ihren äußersten Grenzen entfernt liegt der Birket el kerun, der alte Mörissee, jetzt versalzt, aber in der Mitte hat er eine süße Quelle, indem er unterirdisch mit dem Nile in Verbindung steht. So verirren sich immer Nilfische in das Salzwasser, sterben, werden an die Ufer geworfen, infolgedessen ist es der Sammelpunkt aller Hyänen, Schakale, Füchse und andern Raubgesindels der Umgegend. Ferner halten sich in dem Mimosengestrüpp viele Hasen und Wildschweine auf, und in dem Schilfe wimmelt es von Wasservögeln aller Art. In den See ergießt sich ein ausdauerndes Flüßchen mit trinkbarem Wasser, an das des Nachts auch Gazellen zur Tränke kommen.
An diesem Wüstensee, der ja auch in meinen Romanen öfter eine Rolle spielt, dachte ich Jüngling mein Leben zu beenden.
In Medinet fand ich noch den deutschen Ingenieur vor, dessen Bekanntschaft ich schon vor Jahren gemacht hatte. Ihm offenbarte ich meine Absicht.
“Na, wenn Sie wollen, Sie komischer Kauz, meinetwegen,” lachte er und erbot sich, der Abnehmer meiner Jagdbeute zu sein.
Denn ab und zu würde ich doch etwas brauchen. Ich mußte doch Pulver und Blei ergänzen. Gut, ich solle ihm nur recht viele Hasen und Wild schweinköpfe bringen, und für jedes Fuchsfell würde er mir, damit ich Einsiedler mich nicht lange erst mit Juden herumzustreiten brauche, einen Schilling, eine Mark zahlen.
Hierbei bemerke ich gleich, daß ich während des halben Jahres, das ich an dem See verbracht habe,
nicht ein einziges Mal wieder nach Medinet gekommen bin.
Also ich marschierte ab. Und nun ging das Leben eines Wüstenjägers los. Doch ich habe nie mehr geschossen, als ich zu des Leibes Notdurft brauchte.
Des Abends wickelte ich mich in meine Decke und legte mich zum Schlafen dahin, wo ich zuletzt gerade gestanden hatte, und am Tage bummelte ich herum, streckte mich in den Sand, ließ mich von der Sonne braten, saß am Ufer und träumte.
Das habe ich so ein halbes Jahr lang getrieben. Und in dieser furchtbaren Einsamkeit vollzog sich meine seelische Umwandlung, wodurch ich endlich fand, was ich sonst auch hier vergeblich suchte: das Glück, welches nichts weiter ist, als die Erkenntnis seiner selbst.
Ich schicke voraus, daß ich nie krank gewesen, nicht nervös bin. Hinter mir kann man eine Kanone abschießen – stört mich gar nicht. Aber seltsame Zustände hatte ich doch schon gehabt, bereits als kleines Kind.
Genauer schildern kann ich diese Zustände nicht. Sie waren wie Lichtblitze, die mir manchmal durch den Kopf zuckten, wenn ich etwas Neues sah oder hörte oder erlebte.
“Herrgott, das hast du doch schon einmal gesehen, schon einmal gehört, schon einmal erlebt!!”
Am stärksten hatte ich solch einen Eindruck, als ich zum ersten Male den Hafen von Neapel und den Vesuv erblickte.
“Kennst du ja alles schon!”
Man könnte einwenden, daß ich dann eben diese Gegend schon einmal bildlich, auf einem Gemälde gesehen hätte. Nicht, daß ich wüßte! Dann müßte die Erinnerung doch auch länger nachhalten. Aber das ist eben nur wie ein Zuckblitz; mit größter Bestimmtheit sagt man sich: das hast du schon gesehen, hier bist du schon einmal gewesen – und dann ist diese ganz undefinierbare Empfindung wieder vorbei. Außerdem habe ich sie noch heute, wo es ganz ausgeschlossen ist, daß ich derartiges schon früher gesehen, gehört oder erlebt hätte, und ich habe sogar sehr viele Männer und Frauen kennen gelernt, welche genau solche Zuckblitze der Erinnerung an etwas schon früher Erlebtes haben, und sie finden das um so unerklärlicher, je weniger sie an eine Wiedergeburt glauben können.
Denn hier will ich es frei aussprechen. Ich glaube an eine Wiedergeburt. Mehr aber will ich auch nicht darüber sagen. Denn das kann man ja gar nicht lehren, nicht lernen – das muß erlebt werden.
Doch was ich früher nur manchmal in erleuchteten Nachtstunden ahnte, das ist mir heute zur Gewißheit geworden, das ist mir so klar, wie zweimal zwei vier ist. Höchstens will ich noch hinzufügen, daß es eben eine allweise und allgütige Vorsehung ist, welche dafür gesorgt hat, daß sich der Mensch nicht all seiner frühern Lebensperioden und nicht einmal des zuletzt vorangegangnen Lebenslaufes erinnern kann. Wir würden uns jedenfalls vor uns selbst entsetzen, und das um so mehr, je weiter wir zurückblicken könnten. Nur hin und wieder ist ein Riß in dem Schleier, durch den wir einen Blick bekommen – das sind dann solche Momente, und ich glaube bestimmt, daß es keinen geistig gut veranlagten Menschen gibt, einen wirklichen Menschen – wer nichts weiter im Kopfe hat als Fressen, Saufen und das Geschäft der Fortpflanzung, der ist für mich kein Mensch – der nicht ebensolche Zuckblitze der Rückerinnerung hat.
Im Schlafe, im Traume wird sich die Seele noch viel mehr mit ihren frühern Inkarnationen beschäftigen, als im Wachen: das zeigen schon die uns manchmal unbegreiflichen Traumbilder, aber auch die Rückerinnerung an den Traum ist ja nur eine ganz beschränkte.
Außer diesen Zuckblitzen der Erinnerung kommt dann also ein länger anhaltendes Ahnen hinzu, was ich ebenfalls schon als Kind gehabt habe, in der Nacht, später auf einsamer Nachtwache an Bord, am meisten im nächtlichen Walde.
Die eingangs angeführten Verse schildern dieses schauerliche Ahnen. Ich bemerke hierbei ausdrücklich, daß dieses Gedicht nicht von mir ist. Ich las es vor etwa zwei Jahren in einer Zeitschrift, behielt es sofort wohl wortgetreu im Gedächtnisse, eben weil es mich so furchtbar packte. Das drückte alles aus, was mich so oft bewegt hatte, jede Zeile sprach aus meinem Herzen, schöner und treffender hätte ich meine eignen Empfindungen nicht in Worte kleiden können. Aber den Namen des Verfassers, falls dieser angegeben war, habe ich vergessen, weiß nicht einmal, was für eine Zeitschrift es gewesen ist. So bitte ich den Verfasser dieses Gedichtes, wenn er es zu Gesicht bekommt oder von dem Nachdrucke hört, sich durch den herausgebenden Verlag an mich wenden zu wollen.
In Fayum nun, in der halbjährigen Wüsteneinsamkeit, kam bei mir zum Durchbruch, was schon längst in meiner Brust geschlummert hatte, und was wohl die meiste Schuld an meinem unglücklichen Trübsinn gehabt haben mochte.
Die einzelnen Entwicklungsperioden, wie es nach und nach kam, kann ich nicht schildern. Kurz, ich wurde immer sensitiver, empfindsamer, was aber durchaus nicht mit nervös verwechselt werden darf. Für mich bekam alles Leben, ich hörte alles sprechen. Mit dem nächtlichen Bellen der Füchse und Lachen der Hyänen fing es an. Ich verstand plötzlich diese Raubtierstimmen. Sie sprachen zu mir, erzählten mir Geschichten. Freilich, was sie mir erzählten, das kann ich nicht wiedergeben, dafür hat die menschliche Sprache keine Worte. Aber ich verstand die Tiere ganz deutlich. Soll ich es durchaus ausdrücken, so hörte ich sie etwa klagen: Ach, wären wir doch erst so weit wie du, wären wir doch erst Menschen! Töte uns, töte uns, töte uns – wir flehen dich an, töte uns – obgleich wir uns doch so vor dem Tode fürchten!
Und ich begann mich zu fürchten. Nicht etwa vor den Zähnen der Raubtiere! Die Hyäne fällt keinen Menschen an, das ist Fabel. Aber ich entsetzte mich davor, wie ich diese Tierstimmen immer deutlicher verstand, und dann kam auch noch etwas andres hinzu. Ich fühlte förmlich, wie mein Inneres, meine Seele aus mir heraustrat. Ich selbst wurde zum Fuchse, zur Hyäne, mußte durch die Wüste streichen und Aas aufsuchen ...
Doch das kann ich nicht schildern. Jedenfalls war es entsetzlich. Nacht für Nacht lag ich zähneklappernd da und mußte die Tierstimmen mir verständlich sprechen hören, klagend erzählte sie mir ihre Geschichten, und ich fühlte, wie sich meine Haare sträubten. Dabei aber dachte ich gar nicht daran, diese einsame Gegend zu verlassen, mich wieder unter Menschen zu begeben. Im Gegenteile, der Gedanke, wieder unter Menschen zu kommen, war mir noch viel entsetzlicher, als je zuvor.
Und dann fing das auch am hellichten Tag an. Alles begann zu sprechen. Der rieselnde Sand, das murmelnde Wasser, der in den Mimosen flüsternde Wind – alles erzählte mir Geschichten, und ich verstand sie. Und die sprachen im Gegensatze zu den nächtlichen Tierstimmen tröstend zu mir.
Und dann vor allen Dingen die Sonne! Besonders beim Aufgange! O, wie soll man solch einen Sonnenaufgang in der Wüste schildern? Auch der Pinsel des gottbegnadetsten Künstlers kann das ja nur ganz stümperhaft wiedergeben. Wenn der feurige Ball seine Ankunft meldet, wenn er dann am Horizonte herausrollt – diese Lichter, dieses Farbenspiel!
Und für mich kam noch etwas andres hinzu.
Auch die Sonne begann für mich zu sprechen. Ich hatte schon einmal etwas von Sphärenmusik gehört, ohne zu wissen, was man darunter verstehen solle. Jetzt hörte ich sie. Ganz deutlich. Erst kam ein vibrierender Ton, dann ein Akkord, daraus wurde Musik, und dann kamen Stimmen hinzu, die ich ganz klar vernahm.
Was mir die Sonne erzählte? Ja, das soll man nun sagen! Etwas von einer Liebesseligkeit, welche das ganze Weltall umfaßt und durchdringt. Mag das genügen.
Ja, ich verstand diese Musik und diesen Gesang ganz deutlich. Und ich warf mich in den Sand, weine, weinte – Tränen der Erlösung, eines jubelnden Glückes. Und das ging Tag für Tag so, und jeder Sonnenaufgang entschädigte mich für alle Schrecken der Nacht, und dann beobachtete ich stundenlang die Sandspinne, wie sie Körnchen an Körnchen reihte, zum schützenden Walle um die Eingangsröhre zu ihrem Neste, und meine Seele ging aus und verschmolz mit dieser Spinne, erkennend, daß wir beide ein und dieselbe Schöpfung waren, und meine Seele floß über vor einer überirdischen Liebe – bis mich der Hunger daran erinnerte, daß ich ein irdisches Wesen sei.
Das Schlimmste war, daß ich kein Tier mehr töten konnte. Das heißt, schießen konnte ich den Vogel wohl noch, ihn dann aber nicht essen. Oder nur erst schnell den Kopf ab, daß ich die gebrochnen Augen nicht sehen mußte, die gleich wieder zu sprechen anfingen.
Hierbei bemerke ich, daß ich deshalb kein Vegetarier geworden bin. Meine innere Stimme, der ich vertraue, sagt mir, daß die eßbaren Tiere dazu da sind, um vom Menschen gegessen zu werden. Das ist ihre Bestimmung, und ohne diese Benutzung wäre der Mensch eben kein Mensch geworden, hätte sich nicht die Erde erobert. Wenn ich aber jetzt das Tier, welches ich essen will, erst töten müßte, dann würde ich kein Fleisch mehr genießen. Meinetwegen braucht kein Tier getötet zu werden. Nur, weil es doch einmal schon tot ist, esse ich davon. – Es ist hierbei ein großer Widerspruch, ich weiß es, aber er beirrt mich nicht.
So verging ein halbes Jahr. Ich fühlte, ahnte, daß sich in meinem Innern eine gewaltige Umwälzung vorbereitete. Und so sollte es denn auch kommen.
Hier am Biket el kerun haben die beiden ältesten Pyramiden gestanden, von denen aber nur noch Schutthaufen vorhanden sind, hier war auch das ungeheure Labyrinth, nicht das des Minotaurus, sondern eben das ägyptische, noch viel größer als jenes.
Nach gefundnen Inschriften wurde sein Bau von dem König Amenemhet III. begonnen, von den Griechen Möris genannt, 2100 vor Christi Geburt. Es soll 3.000 Gemächer enthalten haben, zum Teil unterirdisch angelegt, in denen die Sarkophage mit den Mumien der Könige, der Priester, ägyptischer Helden und der heiligen Krokodile aufbewahrt wurden.
Die Grundmauern dieses Labyrinthes sind hier und da noch deutlich zu erkennen. Ich habe viel im Sande herumgepaddelt, aber nichts gefunden. Zwischen diesen Andeutungen von Ruinen hat in neuerer Zeit ein arabisches Dorf gestanden, das aber auch schon wieder in Trümmer gegangen ist. Nur einzelne Brutöfen haben dem Zahne der Zeit getrotzt.
Der Brutofen ist eine bei jedem arabischen Dorfe bekannte Erscheinung. Es ist ein rundes, oben offnes Türmchen von anderthalb bis zwei Meter Höhe mit einem Meter Durchmesser. Die Lehmwände sind mit Löchern durchbrochen. Die Hühnereier werden auf innen angebrachte Bretter gelegt, der Ofen wird von außen angeheizt. Das besorgen aber nicht die Dorfeinwohner selbst, sondern das ist die Profession gewisser Familien, die von Dorf zu Dorf ziehen, darin eine wunderbare Erfahrung haben, so daß sie z. B. kein Thermometer brauchen, sondern die nötige Wärme, die sehr genau reguliert werden muß, nur durch Anlegen der Zungenspitze an die Ofenmauer und an die Eier bestimmen.
Der Brutofen ist für jedes Dorf ein unerläßliches Bedürfnis, weil – auch wieder so ein Rätsel, welches sich nicht einfach nach der Darwinschen Theorie erklären läßt – die in Ägypten einheimischen Hühner überhaupt nicht brüten, sie haben es infolge der einmal eingeführten künstlichen Brütung im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtausende verlernt, dieser Trieb ist ihnen ganz abhanden gekommen.
Eines Morgens sah ich auf solch einem Brutofen einen großen Geier sitzen. Er zeigte wenig Scheu vor mir.
Die Aasgeier sind ja in dem schmutzigen Ägypten die billigsten Sanitätsbeamten, welche allen Unrat entfernen; früher wurden sie deswegen heilig gehalten, jetzt werden sie deswegen noch immer geschont, und bei einem Dorfe darf man noch heute keinen Geier schießen, da kann man leicht von den Fellahbauern gesteinigt werden.
Da kam es mir vor, als ob der Geier um den einen Fuß einen Ring habe. Jener Ingenieur hatte mir erzählt, daß vor vielen Jahren einmal gefangene junge Geier mit Fußringen mit eingraviertem Datum versehen worden waren, aus wissenschaftlichen Gründen, um über die Lebensfähigkeit und den Verbreitungsbezirk dieser Vögel Auskunft zu erhalten. Er hatte mir auch gesagt, wohin diese Ringe zu schicken seien, es stand wohl auf diesen.
Ich erwähne im voraus, daß es kein solcher Ring war, sondern nur ein Auswuchs. Aber ich hielt es für einen Ring.
So schoß ich den Geier. Er stürzte in den Ofen hinein. Ich hinaufgeklettert! Unten auf dem Boden lag der regungslose Vogel. Ohne mich an der Wand festzuhalten, sprang ich hinab und – – brach durch. Ein Schlag vor den Kopf, das Feuer spritzte mir aus den Augen – und da sah ich eine riesenhafte Sphinx liegen, so groß wie die bei Giseh, aber mit rotglühenden Augen, die sie unverwandt auf mich geheftet hatte.
Und die Sphinx begann zu erzählen. Ihren Mund bewegte sie nicht dabei, es waren die Augen, welche sprachen, und doch vernahm ich Worte. Dabei verwandelte sich fortwährend ihre Umgebung. Es ging zu wie in einem mechanischen Theater. Die Wüste verwandelte sich in Wald, Dörfer und Städte entstanden und verschwanden wieder, Schiffchen schwammen hin und her, Rudergaleeren wie Dampfer, Männchen zogen vorüber, ganze Bataillone, in Rüstungen und in modernen Uniformen, Schlachten wurden geliefert, mit Lanzen, Pfeil und Bogen wie mit Kanonen, und so ging es fort und fort, und die
Augen der Sphinx erzählten mir immer, was das alles zu bedeuten habe, viele hunderttausend Jahre lang.
Ja, ungezählte Hunderttausende von Jahren habe ich hier in dieser unterirdischen Kammer des uralten Labyrinthes von Möris gelegen und habe gelauscht, was mir die ägyptische Sphinx erzählte, der dieses Labyrinth geweiht gewesen war. Sie hat mir vom ersten Anfange der Menschheit an erzählt bis hinauf zur Neuzeit, alles durch lebendige Bilder erläuternd.
Endlich erwachte ich. Wie lange ich bewußtlos gelegen hatte, wußte ich nicht. Hunderttausend Jahre jedenfalls nicht. Da hätte ich mehr Hunger gehabt. Vielleicht eine Stunde. Oder auch nur fünf Minuten. Mir war es sehr dumm im Kopfe. An die Sphinx erinnerte ich mich; die rotglühenden Augen brannten mir noch wie Feuer im Herzen; auch der wunderlichen Bilderchen entsann ich mich noch, aber schon undeutlich, und was sie mir alles vorgeschwatzt, das war in meinem Gedächtnisse ausgelöscht.
Über mir war die dicke Lehmdecke zerbrochen, durch die Öffnung schaute die Sonne herein. Das sah ja gut hier unten aus! Lauter Menschenknochen, überall grinsende Totenschädel, und dieses Knochenlager erstreckte sich noch viel weiter nach hinten.
Vor allen Dingen aber sah ich neben mir eine kleine Figur liegen, eine spannenlange Sphinx, aus einem gelben Stein, als Augen rote, glitzernde Steinchen eingesetzt, Granaten oder Rubine, vielleicht auch nur Glas. Ich weiß heute noch nicht, was für Steine es sind, es ist mir auch ganz gleichgültig.
Nun war ja ganz klar, wie jener merkwürdige Traum entstanden war. Noch während des Sturzes hatte ich diese kleine Figur mit den roten Augen erblickt, und nachher im Traume war sie mir als riesenhafte Sphinx erschienen, hatte mir da etwas vorgegaukelt, wie es eben im Traume geschieht.
Ganz einfach, nicht wahr? Wir klugen Menschen müssen ja für alles gleich eine Erklärung haben.
Zunächst aber wieder hinauf an die Oberfläche der Erde! Mir ward hier unten ganz unheimlich zumute. Nicht wegen der Gerippe! Das hatte für mich wenig zu sagen, sondern .... ich weiß nicht, was mir das Herz so klopfen machte. Ich hatte irgend etwas Ungeheuerliches, Geheimnisvolles erlebt, was sonst nicht für einen irdischen Menschen bestimmt ist!
Doch wie wieder hinaufkommen? Der Ofen war ziemlich zwei Meter hoch gewesen. Von hier unten hatte ich bis an den Mauerrand vier Meter.
Es gab nur ein Mittel. Ich häufte die Knochen zusammen, immer höher, Schenkelknochen und Arme und Schädel, ich kratzte und schaufelte, mußte sie immer weiter von hinten hervorschleppen, wobei ich es hauptsächlich auf Köpfe abgesehen hatte, weil diese den Hügel am schnellsten wachsen ließen. Eine andere Rarität fand ich bei dieser Arbeit nicht, weder Schmucksachen noch weitere solche Figuren. Übrigens achtete ich wenig darauf. Nur fort von hier!
Als ich die Knochenpyramide für hoch genug hielt und sie zum ersten Male bestieg, brach ich mit ihr zusammen, mußte unter den Knochen hervorkrabbeln.
Also noch einmal begonnen, diesmal solider gebaut. Und da konnte ich den Rand der Mauer fassen, schwang mich hinaus, meine draußen liegende Büchse aufgerafft und ..... stehenden Fußes, ohne mich noch einmal umzublicken, nach Medinet el Fayum marschiert!
Hier dürfte der Leser fragen: Hast du denn nicht die Steinfigur mit den blitzenden Augen eingesteckt?
Das fragte ich mich auch, nämlich warum ich die nicht mitgenommen hatte. Bis ich einmal in die Hosentasche griff. Da war sie drin. Ich glaubte, ich hätte sie bei der Arbeit unter den Knochen verpaddelt, hatte sie aber schon vorher unbewußt in die Tasche gesteckt.
Zurück blickte ich also nicht, wohl aber einmal an mir hinab, und da gewahrte ich zum ersten Male, was in diesem halben Jahre aus mir geworden war, ich brauchte keinen Spiegel.
O Gott, o Gott, wie ich aussah! Starrend vor Blut und Dreck, das wilde Haar bis auf die Schultern fallend, am Kinn einzelne lange Haare, mein erster Flaum.
Entsetzlich! Erst jetzt kam mir zum Bewußtsein, daß ich hier, wenigstens äußerlich, auf das Niveau einer sich von Aas nährenden Hyäne gesunken war.
Doch das war es eigentlich nicht, was mich mit einem Male so mit Macht nach der Oasenstadt zurücktrieb. Ich wollte wieder ein Mensch unter Menschen sein, konnte plötzlich gar nicht begreifen, wie ich es hier ein halbes Jahr hatte aushalten können.
In der Nacht schlich ich mich durch die Gassen von Medinet. Alle Hunde heulend hinter mir her. Herr Grothe, jener Ingenieur, entsetze sich vor mir, wollte zuerst gar nicht glauben, daß ich es wirklich sei.
“Nun, besehen Sie sich bloß mal im Spiegel!”
Ich hatte tatsächlich ein ganz andres Gesicht bekommen.
Geld hatte ich noch. Um andern Tage verwandelte ich mich wieder in einen zivilisierten Menschen. Ingenieur Grothe hatte die Kanalisation der Oase unter sich, wollte mich anstellen, ich schlug es ab. Mein Entschluß war schon gefaßt, wenn auch erst unklar.
Ich fuhr nach Alexandrien, nahm Dienste auf einem Dampfer, der nach London ging.
Ja, London, das war gerade ein günstiges Gebiet für meine zukünftige Tätigkeit, und jetzt ward mein Plan auch deutlicher.
In jener ausrangierten Bibliothek hatte ich auch die Werke und die Biographie des holländischen Philosophen Spinoza gelesen, und ganz mächtig hatte mir imponiert, wie dieser Mann einer großen Erbschaft entsagte und alle Freundeshilfe zurückwies, um ganz frei und unabhängig leben zu können, wenn auch nur in einer erbärmlichen Dachkammer, sich die zu seinem Leben notwenige Hafergrütze durch Schleifen optischer Gläser verdienend.
Das wollte auch ich! Unter Menschen, und dennoch ganz einsam, in der Nähe einer großen Bibliothek. Gläser schleifen konnte ich nicht, aber da fand sich schon etwas andres. Ich kannte London bereits sehr gut, hatte eine schlechte Zeit dort durchgemacht: wegen eines allgemeinen Streikes gingen keine Schiffe, auch sonstige Arbeit fand sich nicht. Hatte tüchtig gehungert.
Dann fand ich Unterkunft bei einem Manne, welcher Adressen schrieb und sonstige schriftliche Sachen machte. Das konnte ich auch, konnte Englisch schreiben, und in England gibt es keine Anmeldung und dergleichen, da fällt kein Sonderling auf – London ist eben London.
Diese meine letzte Seereise als Matrose war mir eine Qual, wie ich sie noch gar nicht empfunden hatte. Ich paßte eben nicht mehr unter dieses Schiffsvolk.
Als ich in London abmusterte, hatte ich noch sechs Pfund Sterling in der Tasche. Ich suchte einen mir bekannten deutschen Kaufmann auf, der nebenbei unter Seeleuten christliche Mission trieb. Jawohl, er könne mir schriftliche Hausarbeit geben. Mehr als zwei Schilling pro Tag würde ich freilich dabei nicht verdienen. O, das genügte für mich vollkommen! Und dann müsse ich noch einige Tage warten.
Gut, ich mietete mir eine heizbare Dachkammer, richtig neben einer großen Volksbibliothek. Aber in diese kam ich gar nicht hinein. Mir behagte es in meiner Kammer. Was sollte ich inzwischen machen? Tinte, Feder und Papier hatte ich mir schon gekauft.
“Warum schreibst du nicht einmal deine Erlebnisse nieder?”
Zum allerersten Male tauchte plötzlich dieser Gedanke in mir auf.
Gut, kann gemacht werden! Papier hergenommen!
Ja, aber wo anfangen?
Ich marterte mein Hirn, fraß den halben Federhalter dabei auf, und es wollte kein Anfang kommen.
Vielleicht meine Wanderung durch Vorderindien?
Aber immer wieder erst einen Anfang!
Na, los einmal!
“Es war im .....”
Da plötzlich bildete sich vor meinen Augen, d. h., vor meinen geistigen Augen, die ich gegenwärtig oben auf dem beim Schreiben gesenkten Kopfe hatte, eine gelbe Masse, sie dehnte und streckte sich, nahm die Form einer riesenhaften Sphinx an, die mich mit rotglühenden Augen anblickte, und diese Augen brannten sich mir ins Herz!
Und ich schrieb, und ich schrieb, ohne zu wissen, was ich schrieb, Seite füllte sich nach Seite – bei einem Aufblicken bemerkte ich, daß ich schon die Lampe angebrannt hatte, ohne eine Ahnung davon zu haben – und ich schrieb, bis ich den Schluß machte.
Und was war es? Meine Wanderung von Kalkutta nach Bombay hatte ich beschreiben wollen, und statt dessen war daraus eine Novelle geworden. Ein Liebesidyll in der Dschungel, wie ein englischer Offizier eine Bramahnentochter heiratet usw.
Na, ich war nicht weniger baff, als meine An gehörigen in Deutschland, da sie zum ersten Male meinen Namen unter einem Zeitungsromane lasen.
So war ich plötzlich Schriftsteller geworden.
Ich schrieb weiter, immer hypnotisiert von den Augen der Sphinx, die jetzt vor mir auf dem Tische stand, die ich aber gar nicht anzusehen brauchte. Sechs Stunden schlief ich, achtzehn Stunden schrieb ich. Das Essen wurde nur so nebenbei hinuntergeschlungen.
Der Kaufmann fragte an, ob ich jetzt die schriftlichen Arbeiten übernehmen wolle. Ich lehnte ab. Ich mußte schreiben, was mir die Augen der Sphinx diktierten, immer wieder andre Erzählungen, Novellen, ganze Romane. Mein Geld wurde knapp, und ich schrieb unbekümmert weiter.
Was auf diese Weise noch daraus geworden wäre, weiß ich nicht. Das Schicksal griff wieder einmal ein.
Eine Dachstube wurde von einer deutschen Familie vermietet, bei der auch ein deutscher Kolporteur wohnte, ein ehemaliger Oberlehrer, ein verkommnes Genie. Das aber wußte ich damals noch gar nicht.
Eines Abends trat er bei mir ein, wollte meine Feuerzange geborgt haben.
“Was machen Sie denn da? Sie schriftstellern wohl gar?”
Verschämt wollte ich die Manuskripte verbergen, aber der alkoholduftende Mann ließ sich nicht abweisen.
“Das ist recht gut! An wen schicken Sie denn Ihre Sachen? Haben Sie gute Verbindungen?”
Schicken? An Zeitungen? An Verleger? An so etwas hatte ich ja noch gar nicht gedacht! Ich schrieb, weil ich schreiben mußte, mußte mußte!!!
Der kolportierende Oberlehrer nahm die Sache in die Hand, expedierte, obgleich ich mich zuerst so gar wehrte. Nur an erste deutsche illustrierte Zeitschriften.
Nach acht Tagen erhielt ich aus Stuttgart für die Dschungelgeschichte die ersten 200 Mark. Und nun ging es Schlag auf Schlag. Und wenn ich einige Zeit nichts mehr von mir hören ließ, fragten die Zeitungen an, ob sie nicht bald wieder etwas von meiner ‘wertgeschätzten’ Feder erwarten dürften. Nach drei Wochen mußte ich die Expedition allein übernehmen, denn der Herr Oberlehrer war tot; er hatte sich für mein Geld schnellstens unter die Erde gesoffen.
Ich verdiente viel Geld, sehr viel. Oder um gleich deutlicher zu sein: auf tausend Mark im Monat kam ich immer. Aber meiner Dachkammer blieb ich treu.

heiratete in London (war auch britischer Staatsbürger)

Am Abend ging ich aus, durch die Straßen, vor die Asyle und Herbergen, wo die noch standen, welche keinen Einlaß mehr fanden oder den nötigen Penny nicht besaßen, dort teilte ich aus und war nicht eher zufrieden, als bis ich selbst den letzten Schilling losgeworden. Morgen kam es ja wieder ein. Daß ich mich deswegen nicht rühme, das weiß ein jeder, der mich kennt. Sonst wäre ja auch mein Lohn dahin gewesen. Aber ich fand meinen Lohn. Ich tat es ja nur, weil es mir selbst Freude bereitete. Es war mein einziges Glück.
Ach, war das eine köstliche Zeit damals in der Londoner Dachkammer! War ich ein glücklicher Mensch!!



Dann ging ich nach Deutschland und nach reiflicher Überlegung zum Volksromane über.
Wie ich meine Romane schreibe, habe ich eingangs geschildert.
Doch man darf mich nicht mißverstehen. Nicht etwa, daß ich ein spiritistisches Medium bin, dem ein Geist oder die Sphinx diktiert. Nein, es ist meine eigne Phantasie, und ohne meine eignen Erlebnisse und Erfahrungen wäre dies alles gar nicht möglich, meine ganze Entwicklung war dazu nötig.
Allerdings ist Seltsames genug dabei. Früher habe ich mich in den Pausen und bei nächtlicher Weile immer abgequält, wie ich denn nun die Fortsetzung gestalten solle, wie sich dies und jenes noch entwickeln möchte.
Bald aber erkannte ich, daß diese Sorge gar nicht nötig ist. Ganz unvorbereitet setze ich mich an die Schreibmaschine, blicke in die Augen der Sphinx, oder kann auch meine Augen schließen, sehe sie dennoch, nehme den letzten Gedanken auf – die andern kommen ganz von selbst, der Roman wickelt sich ab wie meine Papierrolle. Und habe ich einmal eine Fortsetzung, einen ganzen Roman im Entwurf schon aufgestellt, so zeigt sich dann, daß alles ganz, ganz anders kommt, und zwar immer viel besser, als ich geplant hatte.
Schließlich gibt es für dieses unbewußte Schreiben, wenn man durchaus will, eine ganz einfache Erklärung.
Es ist nicht anders als mit dem Träumen. Wir können den Inhalt unsrer Träume doch ebenfalls nicht bestimmten. Bei mir ist es ein Träumen im wachen Zustande. Oder doch im halbwachen. Denn ganz wach bin ich nicht. Während des Schreibens weiß ich absolut nicht, was um mich her vorgeht, und wenn ich aufhöre, weiß ich nicht, ob ich fünf Stunden oder fünf Minuten geschrieben habe.
Ja, es ist nichts weiter als eine Art von Träumen, dessen inhaltliche Ausgestaltung ich nur mehr in meiner Gewalt habe, so daß sich die Bilder nicht verzerren, und die Sphinx dient mir bloß zur bessern Erzeugung dieses Traumzustandes. Was sonst damit zusammenhängt, wie ich zu der Sphinx gekommen bin, davon wollen wir nicht mehr sprechen.
Ich bin mit Absicht Volksschriftsteller geworden. Ich weiß, was ich will, wer ich bin, und was ich tue. Meine Romane sind keine epochenmachenden Erzeugnisse in der Literatur. Ich schreibe zur Unterhaltung des Volkes.
Ich bin Arbeiter gewesen, bin es noch heute, will nichts andres sein. Man muß nur immer recht und billig denken. Ich tanze nicht, habe niemals Gefallen daran gefunden; aber ganz fern liegt mir, deshalb das Tanzen verurteilen zu wollen. Im Gegenteile, ich freue mich über fröhlich tanzende Menschen.
Ich achte den Schuster, der mir gute Stiefel macht, genau so hoch, wie den Dichter, der mich durch ein Theaterstück ergötzt, und wie den Fürsten, der sein Land und Volk nach bester Einsicht regiert, und ich ziehe vor meiner Waschfrau, die mir auf der Straße Gutentag wünscht, genau so höflich den Hut, wie vor der Frau Geheimrat. So seid auch ihr recht und billig, laßt meine Romane nach des Tages Arbeit lesen, wenn sie gefallen, sie dienen zur Unterhaltung, und wem sie nicht gefallen, der kritisiere sie nicht! – – –
Und nun, liebe Leser, und du, liebe Leserin, die ihr Interesse daran habt – nehmt hin das Beste, was ich euch geben kann, was sie mir erzählen, die Augen der Sphinx.

Robert Kraft.

hatte 2 Kinder (Mädchen)


Robert Kraft starb 1916.

Aktuelles (21.09.2016)