Ein Leipziger Avanturier

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Robert Kraft 1869-1916 – 1. Robert-Kraft-Symposium
15.-16.10.2016
Softcover | 152 S | 24 Farbseiten | über 20 sw-Abbildungen
15 € zzgl. Versand- und Verpackungskosten

15. Oktober 2016
lieferbar
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Symposiumsband – Rezension von Carsten Kuhr (09.11.2016)


Auszug aus dem Titelbild

Vorwort

„Er war der rätselvollste Mensch, dem ich je begegnet bin", äußerte Euchar Schmid vom Karl-May-Verlag, und ähnlich beurteilten ihn viele seiner Zeitgenossen.
Am 3.10.1869 in Leipzig geboren, flüchtete er früh aus dem Elternhaus, ging zur See, überlebte gleich zu Beginn einen Schiffsuntergang und die Cholera, war einige Jahre als Jäger und Abenteurer unterwegs und hatte dabei ebenso dramatische wie mystische Erlebnisse. Er schlägt schließlich in London auf und wird auf kuriose Weise Schriftsteller, der seine Abenteuer verarbeiten und virtuell weiterspinnen kann. Bereits mit seinem ersten Roman „Die Vestalinnen" [1895] gerät er in die Fänge des Kolportageverlegers Münchmeyer, der auch Karl Mays frühe Romane herausbrachte. Er hat für mehrere Projekte unterschrieben und befreit sich bis zu seinem Tod mit 46 nur gelegentlich und schwer aus der Maschinerie des Lohnschreibers. Dennoch gelingen ihm meisterhafte Romane, die ihm bei den Zeitgenossen die Beurteilung einbringen, er sei spannender, interessanter, besser als Karl May. Nach dessen Tod 1912 verhindert die Witwe Klara May, dass die Anfangserfolge des eine Generation jüngeren Konkurrenten ähnlich fortdauern wie die ihres verstorbenen Mannes. Nach Krafts Tod 1916 werden zwar bis in die 20er Jahre hinein noch Nachauflagen geliefert, in der NS-Zeit verschwindet jedoch sein Werk von der Bildfläche der Öffentlichkeit. Dennoch hat sich immer ein kleiner Kreis leidenschaftlicher Verehrer im Stillen um seine heute seltenen Ausgaben bemüht.
Für Euphorie ist sicher kein Grund vorhanden, aber es scheint sich eine Wende in der Rezeption anzukündigen. Immer mehr e-Books, Nachdrucke in ordentlichen Buchausgaben, Artikel über ihn in Zeitschriften lassen hoffen, dass er endlich aus der unverdienten (Nicht-)Existenz im Schatten Mays herauskommt. Anders als dieser ist er ein Genre-Autor für Erwachsene, zugehörig nicht nur zum Abenteuer-, Reise- und Seeroman, sondern auch zur Phantastischen Literatur und zur SF.
Was bei May längst selbstverständlich ist, die Welt der Jahrbücher, Tagungen, Universitätsarbeiten, also Forschung und Aufarbeitung, sollte für einen Autor der Qualität Krafts auch erfolgen. Das 1. Robert-Kraft-Symposium in Leipzig vom 15.-16. Oktober 2016 soll hierzu Impulse geben und zu einer breiteren Rezeption anstoßen.

Der Begleitband enthält folgende Beiträge:
Arnulf Meifert stellt die vielen thematischen Möglichkeiten vor, sich mit Robert Kraft zu befassen und ermuntert in einem launigen Schlussappell die zuständigen Wissenschaftsbereiche, diesen Autor zu entdecken. (Ein umfangreicher Werkessay ist ebenfalls in Arbeit.)
Achim Schnurrer als Kenner der phantastischen Literatur um 1900 bietet einen Überblick zum Werk und fasst die Grundzüge der Biographie Krafts anschaulich zusammen.
Ich selbst werde über meine Erfahrungen als Bibliograph der ca 40 000 Seiten Werkumfang dieses Autors berichten. (Die dritte und endgültige 1000-seitige Ausgabe der Kraft-Bibliographie wird ebenfalls zum Symposium erscheinen.)
Der eigenwillige Beitrag des deutschen Philosophen und Kantianers S. Friedlaender, auch als Groteskenschreiber des Expressionismus bekannt, und drei neu entdeckte kurze Originaltexte Robert Krafts runden den vorliegenden Band ab.
Zum Symposium selbst werden eine Reihe von Vorträgen, Lesungen aus dem Werk, ein Diskussionsforum und eine Stadtführung dazu beitragen, den Autor stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern.

Robert Kraft, zu Lebzeiten als „der deutsche Jules Verne" gehandelt, ist der bedeutendste, ausgefallenste und merkwürdigste Autor der sogenannten Kolportageliteratur vor dem 1. Weltkrieg. Er selbst sah sich als „Volksschriftsteller", und war ein Romancier von Graden, der die Phantasien und Sehnsüchte der wilhelminischen Belle Epoque in solcher Fülle bietet, dass man von einem kulturgeschichtlichen Panorama sprechen kann. Darüberhinaus ist er auch als Vorläufer jüngster literarischer Strömungen wie Mash-up und Steampunk zu entdecken, als Autor seiner ganz eigenen „Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens" weist er voraus ins Infotainment.
Ein Erzähler, für den sich Mynona einsetzte und Arno Schmidt interessierte.

Thomas Braatz