Ein Leipziger Avanturier

Meister der phantastischen Literatur

Achim Schnurrer


Robert Kraft – Ein Porträt (aktualisiert Oktober 2016)


Robert Kraft gehört – trotz großer Beliebtheit und weiter Verbreitung zu Lebzeiten – heute zu den nahezu vergessenen Autoren. Ohne seinen Einfluss wäre jedoch die populäre Literatur des deutschsprachigen Raumes anders, um nicht zu sagen ärmer. Gerade in den Genres der Science Fiction und Fantasy entstanden im zwanzigsten Jahrhundert in Deutschland viele Texte, die Robert Kraft mehr verdanken, als vielen bewusst ist.

Ein Großteil seines umfangreichen Werkes, das er in wenigen Jahrzehnten unter den Bedingungen der seinerzeit den Markt der Unterhaltungsliteratur beherrschenden Kolportageverlage verfasste, zählt zur kaum definierbaren Gattung des Abenteuerromans. Allerdings verstand es Robert Kraft, dank seiner unerschöpflichen Phantasie, die Grenzen der herkömmlichen Abenteuerliteratur immer wieder zu sprengen und in erzählerische Bereiche vorzustoßen, die ihn zu einem bedeutenden Vorläufer deutscher SF werden ließ.

Zeitgenossen verglichen Robert Kraft gerne mit Karl May oder bezeichneten ihn nicht selten als einen deutschen Jules Verne. Eine nähere Beschäftigung mit dem Autor zeigt, dass beide Vergleiche hinken – und zwar gewaltig.

Kraft und May I

Zwar erschienen eine Reihe der Werke von Karl May und Robert Kraft beim gleichen Verlag, der H. G. Münchmeyer GmbH. Zudem kannten sich beide Autoren und trafen sich nicht nur im Verlag, sondern auch privat. Doch während Karl May seine Reiseabenteuer schrieb, ohne im Orient oder in Amerika gewesen zu sein, begann Robert Kraft seine schriftstellerische Karriere erst, nachdem er als Schiffsjunge und Matrose weite Teile der Welt bereist hatte. Hinzu kommt, dass May und Kraft inhaltlich mehr trennt, als sie verbindet. So macht etwa die Art und Weise, wie die Autoren ihre Helden charakterisieren, die Unterschiede deutlich.
Edelmütig, körperlich, geistig und moralisch überlegen und dadurch für sich genommen nicht selten blass und ohne Profil, das sind die heute oft nur noch zur Parodie taugenden Heroen bei Karl May, die wegen ihrer Überhöhung umso profiliertere Sidekicks und vor allem umso bösere Gegner brauchen, um von der eigenen nichtssagenden Stromlinienform abzulenken.
Robert Kraft hatte dagegen bei vielen seiner Helden eine Schwäche für deren Marotten und den manchmal verschrobenen Eigensinn, den er ihnen andichtete. Zwar sind auch sie ihren Gegnern bis hin zum Klischee überlegen, aber sie tappen auch gern in die Fallen ihrer eigenen Eitelkeiten und gelegentlich ist ihr Handeln – wie etwa im „Graf von Saint Germain“ – düster und mit Anflügen von Bosheit.
In einem anderen, für die Verhältnisse Krafts eher kurzen Roman „Wenn ich König wäre!“ („König König“ bei USTAD, Karl-May-Verlag) gestaltete er den zu unerwartetem Reichtum gekommenen Helden des schwimmenden „König“reichs UTOPIA zu einem eigenartigen Kauz, der seine Lebensphilosophie mit einer Halsstarrigkeit zu verwirklichen sucht, dass sich auch heute noch so mancher Fanatiker, gleich welcher Couleur, in dieser Figur wiedererkennen könnte.
Trotzdem gelang es Kraft, diese Figuren immer auch mit Sympathie zu zeichnen, so dass er seinem Leser mit spielerischer Leichtigkeit Gestalten nahezubringen vermochte, denen man in der Realität wahrscheinlich nur mit Befremden begegnen würde.
Der entscheidende Unterschied zwischen den Werken Karl Mays und Robert Krafts beruht jedoch auf einer anderen – zugegeben subjektiven – Einschätzung. Stilistisch ist Kraft seinem berühmteren Kollegen meiner Meinung nach haushoch überlegen.

Voyages extraordinaires

Der Vergleich mit Jules Verne ist schwieriger. Beide Autoren extrapolieren aus ihrer Zeit heraus technische Entwicklungen, die zum Teil erst Generationen später Wirklichkeit werden. Während aber ein Großteil des Werks von Jules Verne für genau diese, auch in der Nachschau verblüffende Eigenschaft heute noch zu Recht gerühmt wird, nimmt sie in den Romanen Krafts nur eine marginale Rolle ein.
Obwohl auch bei Robert Kraft eine Reihe zu seiner Zeit utopische Techniken in die Romanhandlung integriert werden, bleiben sie meist nur phantastisches Beiwerk. Bei Jules Verne wird es dagegen zum alles bestimmenden Element. Wichtiger ist für Kraft das eigentliche Abenteuer: die Konflikte der agierenden Personen, sowie ein – mal mehr, mal weniger geschickt – mit der Handlung verwobener bildungsbürgerlicher, didaktischer Aspekt. Letzteres mag merkwürdig klingen, doch ich komme noch auf dieses den Werken Krafts innewohnende Merkmal zurück.
Vor allem aber scheut er sich nicht, Wissenschaft und Technik besonders in späteren Romanen wie „Loke Klingsor“ ganz der Phantasie unterzuordnen. Es geht ihm nicht mehr um eine tatsächlich mögliche, denkbare technische Entwicklung. Ihr Auftreten dient allein als dramaturgisches Element. Damit hat Kraft einen Wesenszug zahlloser moderner SF-Romane vorweggenommen.
Da von Jules Verne in der Hauptsache – zumindest bei seinem deutschsprachigen Leserpublikum – SF-Klassiker wie „20 000 Meilen unter den Meeren“ (Vingt mille lieues sous les mers, 1869) und „Von der Erde zum Mond“ (De la Terre à la Lune, 1865) bzw. Fantasy-Romane wie „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (Voyage au Centre de la Terre, 1864) im Bewusstsein geblieben sind, verbinden sich mit seinem Namen unauslöschlich prognostische Elemente, wie das U-Boot von Kapitän Nemo oder die abenteuerliche Eroberung des erdnahen Weltraums.
Darüber wird gerne vergessen, dass Jules Verne, wie sein deutscher Kollege Robert Kraft, zu seiner Zeit in erster Linie ein Volksschriftsteller war, der erfolgreiche Abenteuerromane schrieb. Die „Reise um die Erde in 80 Tagen“ (Le Tour du Monde en quatre-vingts Jours, 1873) setzt zwar auf den technologischen Fortschritt seiner Zeit, aber ohne den Einsatz allzu phantastischer Mittel oder gar von Elementen, die man zur Science-Fiction zählen könnte. Auch Jules Verne war ein Vielschreiber und abgesehen von den SF-Klassikern oder Titeln wie „Der Kurier des Zaren“ (Michael Strogoff, 1876) sind viele seiner Romane heute ebenso vergessen, wie nahezu alles von Robert Kraft.
Kraft, der deshalb heute nur noch ein Geheimtipp ist, zählte bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum und teilweise auch darüber hinaus zu den erfolgreichsten Autoren populärer Unterhaltungsliteratur.
Deshalb interessiert neben inhaltlichen Aspekten in Robert Krafts Romanen und seiner Biografie auch die Frage, wie es dazu kam, dass sein Werk nahezu in Vergessenheit geraten konnte.


Von Stahlrössern, Panzerautomobil und Plasmabildschirmen

Wenngleich technische Neuerungen in Krafts Romanen nicht den gleichen Stellenwert wie im Werk Jules Vernes einnehmen, so sind doch manche seiner „Erfindungen“ auch aus heutiger Sicht, vielleicht sogar gerade erst aus heutiger Sicht, erstaunlich. In der Novelle „Wenn ich König wäre!“ und auch in den Abenteuern von Krafts wahrscheinlich berühmtester Figur Detektiv Nobody kommt eine Form von Bildschirm vor, die wie eine Beschreibung moderner Plasma- oder LED-Bildschirme anmutet, geschrieben zu einer Zeit, als gerade einmal die ersten Kinematographen auf den Jahrmärkten dem staunenden Publikum bewegte Bilder in Form kurzer Stummfilmchen vorführten.
Gelegentlich verwendet Kraft aber auch Elemente einer Art Retro-Science Fiction, etwa wenn er den Grafen von Saint Germain Mitte des 18. Jahrhunderts in einer Weise Elektrizität nutzen lässt, die sogar zu Krafts Lebzeiten noch als fortschrittlich gegolten hätte.
Eher ins Reich technischer Kuriositäten gehört Krafts Stahlross; ein Begriff, mit dem man mächtige, mit Dampfkraft betriebene Lokomotiven verbindet, der aber in der gleichnamigen Erzählung, Heft 7 der Reihe „Aus dem Reiche der Phantasie“, durchaus wörtlich zu verstehen ist. Hier reitet der junge Held ein künstliches Pferd aus Stahl. Kraft beschreibt damit nichts anderes als eine Art vierbeinigen Roboter und greift damit auf ein Motiv zurück, das Jules Verne mit seinem stählernen Elefanten („La Maison à vapeur“) 1880 populär gemacht hatte. So populär, dass sich heute Touristen mit einem davon inspirierten Nachbau durch Vernes Geburtsstadt Nantes schaukeln lassen können.
Beim Protagonisten der von SF-Sammlern sehr gesuchten Hefte „Aus dem Reich der Phantasie“, handelt es sich um einen querschnittsgelähmten Jungen, der sich jede Nacht durch eine phantastische Wunschtür in eine andere Region einer imaginären Abenteuerwelt zu versetzen vermag. Eine Welt, in der er nicht von seiner Behinderung eingeschränkt wird. Ein Motiv, das für Robert Kraft auch über diese Reihe hinaus ziemlich wichtig war.
Seit 1874 wurden die Romane von Jules Verne auch ins Deutsche übersetzt und herausgegeben. Interessanterweise anfänglich genauso, wie das Werk Robert Krafts, nämlich als Kolportageromane. Doch während sich die deutschen Ausgaben der Werke Vernes rasch aus den Niederungen der Fortsetzungslieferungen lösten und auch die deutschsprachigen Verleger die prachtvolle Gestaltung der französischen Originale übernahmen, sollte Robert Kraft eine derartige Aufwertung seiner Romane nicht mehr erleben.

Der Kolportageroman

Der Begriff der Kolportage leitet sich aus dem Französischen ab und illus­triert auf anschauliche Weise, wie diese Fortsetzungsserien im 19. Jahrhundert vornehmlich unter der Landbevölkerung vertrieben wurde: col = Kragen, Hals; porteur = Träger. Es handelte sich also um Literatur, die in einer Kiepe, um den Hals, auf dem Rücken von Ort zu Ort und Haus zu Haus getragen wurde oder auf den zahllosen Märkten mit dem Bauchladen offeriert wurde.
„Um den Hals“ trugen die von Haus zu Haus wandernden Händler die Gurte ihrer Körbe, in denen sie einer überwiegend einfachen, ländlichen Kundschaft Waren aller Art an die Tür lieferten, auch Lesestoff. Zwischen sechzehn, zweiunddreißig oder entsprechend mehr Seiten umfassten die meist kleinformatigen Hefte und enthielten, in Fortsetzungen gestückelt, Liebes-, Schauer-, Ritter- oder Abenteuerromane. Häufig besaßen die einzelnen Folgen eines Romans ein immer gleich bleibendes Titelbild und unterschieden sich äußerlich nur durch die Nummerierung. Der Inhalt setzte stets dort – oft mitten im Satz – ein, wo die vorherige Lieferung geendet hatte.
Damit sind die Lieferungshefte der Kolportageliteratur die direkten Vorläufer der Heftromane. Die Bezeichnung der Lieferungshefte als Kolportageromane blieb auch dann noch geläufig, als die Verleger dieser Literatur neben den von Dorf zu Dorf und Markt zu Markt wandernden Händlern längst andere Vertriebsformen, etwa analog zum Pressevertrieb über Poststellen oder auch den Buchhandel, gefunden hatten. Auch die Bezeichnung Hintertreppen-Literatur, die auf die gesonderten Dienstboten-Eingänge in großbürgerlichen Häusern und den Anwesen der Bessergestellten verweist, blieb noch zu Zeiten in Gebrauch, als diese Form der Verbreitung längst nicht mehr üblich war.

Literatur auf der Couch

Titel wie „Im Panzerautomobil um die Erde“ oder „Im Zeppelin um die Welt“ verdeutlichen, dass in Krafts Kolportageromanen sehr häufig das Motiv der Reise die alles entscheidende Rolle spielt. Das Reise-Abenteuer zählt seit der Antike, seit Homers „Odyssee“ und Herodots „Historien“, zu den wichtigsten Sujets der erzählenden Literatur.
Die Quest, die Reise und Suche eines oder mehrerer Helden, Aufbruch, (Irr)fahrt mitsamt aller notwendigen dramatischen Elemente, wie Kämpfe gegen übermächtige Gegner, Verlust, (beinahe) Scheitern und letztendlich glückliche Heimkehr als gereifte Persönlichkeit, erlebte im ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert einen Höhepunkt an Output und Popularität, der sich nur aus den Umständen der Zeit vor dem ersten Weltkrieg erklären lässt.
Deutschland reihte sich damals – wenn auch mit Verspätung – unter die Kolonialmächte und versuchte, mit zweifelhaftem Erfolg, beim Konzert der imperialistischen (Groß)Mächte England, Frankreich, Holland und Belgien mitzuspielen. Die Verspätung war historisch bedingt. Als eine in zahlreiche Kleinstaaten und Fürstentümer aufgesplitterte Nation bestand Deutschland bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur dem Namen nach. Als umso empfindlicher und verwundbarer galt vielen Menschen seit den Kriegen gegen Napoleon die nationale Identität. Hätte man den Prototypen des Deutschen dieser Jahre auf die Couch des jungen Sigmund Freud gelegt, der Begründer der Psychoanalyse hätte nicht nur ein irreparabel angekratztes Selbstbewusstsein und eine in schlimmer Verwirrung verfangene Seele diagnostiziert. Eine Traumdeutung anhand der damals aktuellen Literatur hätte höchstwahrscheinlich auch einen faustdicken Ödipuskomplex zutage gefördert.
Das Scheitern der deutschen Kolonialpolitik des Wilhelminischen Kaiserreichs wurde auf verschiedene Weise kompensiert. Ganz direkt einerseits durch unsagbare Grausamkeiten gegenüber den unterdrückten und ausgebeuteten Völkern – Stichwort: Herero-Aufstand – und andererseits indirekt durch noble Helden, die als Stellvertreter des deutschen Bürgers die Welt bereisten und, zumindest in der Phantasie, für das Vaterland vereinnahmten.
Ein häufiges Motiv bei Robert Kraft, der den Helden nicht selten inkognito auftreten lässt (z. B. Detektiv Nobody oder Depeschenreiter Axel), besteht nicht zuletzt in einer sorgfältig gehüteten geheimen Identität, hinter der sich ein deutscher Fürstensohn verbirgt, der aus dem Korsett seiner standesgemäßen Verpflichtungen ausgebrochen ist.
Bei Autoren aus anderen Ländern steht im Selbstverständnis der Zeit ebenfalls das Reisemotiv im Vordergrund. So auch bei Jules Verne, der seine Romane in Frankreich exklusiv beim Verleger Pierre-Jules Hetzel herausbrachte. Die von Hetzel dem Werk des Autors angepasste Reihe hieß folgerichtig „Voyages extraordinaires“.

1869 bis 1916

Doch bevor ich mich weiteren, inhaltlichen Aspekten der Romane Krafts zuwende, muss eine Antwort auf die Frage gefunden werden: Wer war Robert Kraft, dieser in vielerlei Hinsicht erstaunliche Autor?
Robert Krafts kurzes Leben war nicht weniger abenteuerlich, als die Handlung seiner meisten Romane, zumindest in der ersten Lebenshälfte. Diesen Umstand nutzten die Verleger Krafts auf marktschreierische und überzogene Weise. Die ohnehin spannende Biografie dieses Autors wurde der Reklame wegen noch um etliche Legenden bereichert. Die gut recherchierte Arbeit von Walter Henle und Peter Richter versucht unter dem Titel „Unter den Augen der Sphinx – Leben und Werk Robert Krafts zwischen Fiktion und Wirklichkeit“, die Realität von den Legenden zu trennen.
Emil Robert Kraft wurde am 3. Oktober 1869 in Leipzig geboren. Der Vater, Hermann Emil Kraft, ein Weinhändler, der dort das berühmte Lokal „Der goldne Elephant“ betrieb, wurde für Robert Kraft zur andauernden, lebenslangen Ursache zahlloser Auseinandersetzungen und Konflikte. Da die Mutter schon früh die Familie verließ, wuchs der schmächtige Junge in zwar materiell gesicherten, aber emotional verarmten Verhältnissen auf, die man heute als zerrüttet bezeichnen würde. Die gefühlsmäßige Verwirrung und Unsicherheit seiner Jugend schlug sich in auffälligem Verhalten nieder, das nur dazu angetan war, die kritische Situation zu verschärfen. Der Junge begann zu stottern.
Es liegt nahe, in dieser sprachlichen Behinderung eine der Ursachen für die ungeheure Produktivität seiner späteren schriftstellerischen Karriere zu sehen. Und tatsächlich spricht auch ein stilistisches Moment seiner Romane für diese Annahme.

Ein Einschub für die Einschübe

Immer wieder unterbricht Robert Kraft in seinen Romanen den Fluss der eigentlichen Erzählung, um seine Leser direkt anzusprechen und in mitunter weitschweifigen Erläuterungen zum Thema passende Hintergrundinformationen mitzuteilen, quasi enzyklopädische Details aus vielerlei Wissensgebieten einzustreuen. Fast immer interessant formuliert, stören solche Ansprachen im Gegensatz zu manch langatmiger Landschaftsbeschreibung bei Karl May nur selten. Kraft vermittelt in ihnen mit leichter Hand Bruchstücke bürgerlicher Bildung. Hierin liegt ein wesentliches Moment jener bereits angesprochenen, für ihn typischen Didaktik in seinen Romanen. Kraft versteht es, diese Passagen so in den Erzählfluss zu integrieren, dass die Spannung unter ihnen nicht leidet. Meist gelingt es ihm sogar, mit den Einschüben eine größere Nähe zum Stoff herzustellen und die Identifizierung mit den Protagonisten zu steigern. Überall dort, wo sich heute die Kenntnisse seiner Zeit als überholt erweisen, ergibt sich so immerhin noch das Gefühl der Authentizität.
Allein die Produktionsbedingungen für einen Kolportageautor, der Zwang, in rascher Folge zu festgesetzten Terminen Material an den Verlag zu liefern, verhinderte eine intensivere Beschäftigung mit den Texten. Wie jeder Schriftsteller von Lieferungsromanen war auch Robert Kraft gezwungen, einen hohen Ausstoß sicherzustellen. Am leichtesten fiel ihm dies, wenn er einfach drauflos schrieb, ohne vorher aufwändige Exposés zu erarbeiten, einfach nur mit der groben Idee im Kopf. Genau das merkt man seinen Romanen gelegentlich an. Er schrieb, wie ihm der Schnabel gewachsen war, und der Leser spürt deutlich, es machte Kraft Spaß zu erzählen. Vielleicht lag auch in dieser hemdsärmeligen Leichtigkeit ein Teil seines Erfolgs begründet. Denn noch heute kann man sich bei der Lektüre Kraftscher Romane problemlos vorstellen, die Geschichte, während man sie liest, auch zu hören. Mit Hilfe seiner Texte hat Kraft eine Möglichkeit gefunden, im übertragenen Sinn, ungehindert sprechen zu können.
Es konnte jedoch auch passieren, dass – vielleicht wegen Zeitmangels, vielleicht weil er die Lust an einem bestimmten Erzählstrang verloren hatte, vielleicht wegen einer verlegerischen Entscheidung – die Handlung Hals über Kopf abgebrochen wurde und mit wenigen Sätzen eine notdürftige Erklärung den Schluss einleitete. Oder er stürzte sich später an neuem Ort, zum Teil mit neuem Personal, wieder in die Geschichte, die er zuvor zu früh oder zu jäh beendet hatte.


Auf der Flucht

Stottern, Rückzug in sich selbst – bereits als Schüler wurde Kraft zum Eigenbrötler und Außenseiter, und es wundert unter solchen Prämissen wenig, dass er sich später in seinen Romanen so gut in Charaktere einzufühlen vermochte, die man getrost als wunderlich bezeichnen kann.
Mehrfach riss der junge Robert Kraft zum Teil wochenlang von zu Hause aus, wurde aber immer wieder von der Polizei aufgegriffen und zurückgebracht. 1885 führte sein mehrmonatiges Fehlen dazu, dass man ihn vom Gymnasium warf. Längst wusste der Junge, was er werden wollte, aber der Wille des Vaters zwang ihn in eine andere Richtung. Nach eigenen Angaben hatte er jedes Mal, wenn er bei Nacht und Nebel durchbrannte, nur das Ziel, sich bis nach Hamburg durchzuschlagen, dort anzuheuern und Seemann zu werden. Doch nach dem Rausschmiss aus der Schule musste er eine Schlosserlehre absolvieren, deren Abschluss ihm 1887 immerhin ermöglichte, an der Königlichen Höheren Gewerbeschule in Chemnitz zu studieren.
Man kann nur vermuten, was für ein Gefühl der Befreiung der Weggang aus Leipzig für ihn war, was das Fortfallen des unmittelbaren väterlichen Zugriffs für Robert Kraft bedeutet haben mag. Allzu lang kann dieses Gefühl jedoch nicht angehalten haben. Denn im August 1889 in den Ferien des zweiten „Curses“ besuchte er seinen Vater, stahl ihm einen Betrag von 1 780,- Mark und tauchte zunächst spurlos unter. Er wurde schließlich – steckbrieflich gesucht – verhaftet und saß wahrscheinlich auch für kurze Zeit im Gefängnis. Ob der Diebstahl zu einem Gerichtsverfahren führte, lässt sich heute nicht mehr ermitteln. Weitere Akten zu diesem Fall wurden bisher nicht gefunden. Denkbar ist aber auch, dass Krafts Vater erfolgreich bei Gericht intervenierte, um einen Skandal zu vermeiden.
Das Verhältnis zum Vater war nach diesem Vorfall jedenfalls für lange Zeit nachhaltig gestört, an einen Abschluss des Studiums war nicht mehr zu denken.
Mit einem „prod. Loos-Schein“ begab sich Robert Kraft nun endgültig nach Hamburg. Das Papier der Leipziger Behörden befreite ihn für ein Jahr vom anstehenden Militärdienst und er nutzte diese Zeit, um endlich auf einem Schiff anzuheuern.

Shakespeares Untergang

1889, gerade zwanzigjährig, kam Robert Kraft auf sein erstes Schiff, die SHAKESPEARE, um mit ihr den Atlantik Richtung „New Amerika“ zu überqueren. Bei dem Bremer Vollschiff handelte es sich um einen Dreimaster, der Salz und Stückgüter in die USA transportieren sollte. Die Besatzung bestand aus 18 Mann und stand unter dem Kommando von Kapitän Johann Carl Müller aus Bremen.
Schon Krafts erste Fahrt sollte seinem Hunger nach Abenteuer in einer Weise entgegenkommen, die er nie wieder vergessen würde. Kapitän Müller war ein Säufer, dem eines Nachts mitten auf dem Atlantik, nachdem er zwei Flaschen Rum innerhalb kürzester Zeit geleert hatte, der Schlag traf, an dem er kurz darauf verstarb. Seit Tagen tobte ein Sturm in Orkanstärke, doch mit dem Tod des Kapitäns flaute das Unwetter auf einmal ab. Allerdings dauerte die Freude über die Wetterbesserung nur kurz. Eine gewaltige Woge erfasste das Schiff, hob es in die Höhe und als es wieder in die Tiefe schoss, ergossen sich von Backbord die Wassermassen mit derartiger Wucht über das Deck, dass die Ankerketten zersprangen, als wären sie aus Glas.
Schon vorher hatte der Dienst der Mannschaft hauptsächlich darin bestanden, sich an den Pumpen abzuwechseln, da immer wieder Wasser ins Schiff eindrang. Der Orkan tobte weiter und die heftigen Brecher, die über Bord fegten, verwandelten Aufbauten und andere Teile des Schiffes innerhalb kürzester Zeit in Kleinholz. Kraft wurde von einem herabfallenden Mast am Kopf gestreift und verlor für einige Augenblicke das Bewusstsein.
Kaum hatte der Sturm die SHAKE­SPEARE endgültig manövrierunfähig gemacht, ließ das Wüten von Wind und Wellen wieder etwas nach. Dafür kam nun die Kälte. Das in mehrfacher Hinsicht führer­los dahintreibende Schiff befand sich irgendwo zwischen Island und Grönland.
Nach ein paar Tagen kam der Dampfer NESTORIAN in Sichtweite, aber hoher Wellengang verhinderte eine Rettungsaktion, und als dichter Nebel aufzog, verlor man sich aus den Augen. Inzwischen wurde die Lage an Bord des Wracks immer hoffnungsloser. Langsam, aber stetig lief das Schiff voll und es würde nicht mehr lange dauern, bis es sank.
Am 21. Dezember 1889 sichtete der britische Dampfer STAG das, was von der SHAKESPEARE noch übrig war, und näherte sich dem untergehenden Schiff. Noch immer war die See so rau, dass zwei Jollen, die von der STAG aus wassern wollten, von den Wellen zerschlagen wurden. Ein Matrose des Dampfers starb bei diesen Manövern. Der Kapitän der STAG, David Munro, wagte einen dritten und letzten Rettungsversuch. Endlich gelang es ihm, ein Boot zu Wasser zu lassen. Mit Hilfe von Tauen, die man zum Wrack warf, konnte die Mannschaft der SHAKESPEARE geborgen werden. Kurz darauf versank das leckgeschlagene Schiff in den eisigen Fluten des Atlantiks.

Europa im Suezkanal

Die STAG fuhr mit den Schiffbrüchigen nach New York. Die Retter unter Kapitän Munro erhielten dort Dank und Ehrungen in Anerkennung ihres Einsatzes im Nordatlantik. Kraft kehrte mit den meisten ehemaligen Besatzungsmitgliedern der SHAKESPEARE Anfang 1890 nach Deutschland zurück, wo die Schiffskatastrophe vor den Untersuchungsbehörden des Bremer Seeamtes noch ein Nachspiel hatte.
Wenig später heuerte Robert Kraft wieder an, diesmal als Koch-Maat auf dem Dampfer EUROPA. Die Fahrt ging durchs Mittelmeer nach Ägypten. Dort bei El Kantara im Suezkanal desertierte Kraft von dem Schiff, da er sich – wie er später schrieb – „das Land der Pharaonen etwas näher anschauen wollte“.
Völlig mittellos schlug er sich durch das Land, durchschwamm angeblich, da er den Fährmann nicht bezahlen konnte, den Nil und ernährte sich von gestohlenen Hühnern, denen er den Hals umdrehte, um sie über offenem Feuer zu braten. Diese Angaben beziehen sich auf Mitteilungen und autobiografische Notizen, die Kraft später verfasste. Ihre Authentizität lässt sich nicht überprüfen. Sicher ist nur, dass er sich 1890 in Ägypten aufhielt und sich dort unerlaubt von der EUROPA entfernte. Nach eigenen Angaben arbeitete er eine Zeitlang als gutbezahlter Heizer einer Dampfmaschine auf einer Baustelle bei Shubra El-Keima in der Nähe Kairos, wo unter englischer Leitung eine Brücke über den Nil errichtet wurde. Wenig später soll er hier sogar zum Maschinisten aufgestiegen sein.
In jener Zeit lebte er mit einer Schwarzen namens Topsy in einer Bretterbude in der Wüste. Doch die junge Frau sollte kurz darauf, als Kraft erkrankte und in eine Klinik gebracht werden musste, unter tragischen Umständen ums Leben kommen. Der verächtliche Rassismus, mit dem „Negern“ in Ägypten von den Kolonialherren wie den Einheimischen begegnet wurde, die – und sei es nur geringfügig – hellhäutiger waren, empörte Kraft. In der 1899 erschienenen Erzählung „Nur eine Negerin“ schilderte er diese Episode seines Ägyptenaufenthalts.

Das Totenschiff

Als blinder Passagier schlich sich Kraft anschließend ausgerechnet auf ein Pilgerschiff namens MALACCA, auf dem über tausend Mekka-Pilger zusammengepfercht waren. Ziel der Reise war Konstantinopel, wo er sich zum deutschen Konsulat begeben wollte, um die Formalitäten seines anstehenden Militärdienstes abzuklären.
Doch es sollte Monate dauern, bis es dazu kam. Die Ereignisse, die zu den Verzögerungen führten, sind ausreichend dokumentiert und belegen wieder einmal, dass die Realität unglaublichere Geschichten bereithält, als sie sich ein noch so fantasiebegabter Autor ausdenken kann.
Als Erstes flog natürlich das Versteck des blinden Passagiers auf, kaum dass sie abgelegt hatten. Um zu verhindern, im nächsten Hafen im Gefängnis zu landen, verdingte sich Kraft als Matrose. Ein geldgieriger Schiffsagent, der den Rang eines Kapitäns innehatte und mit der Verwaltung des Pilgerschiffes beauftragt war, ließ die Trinkwassertanks der MALACCA mit Aas verseuchen.
Cholera und andere schwere Erkrankungen brachen aus. Die zusammenge­pferchten Passagiere wurden dahingerafft wie die Fliegen. Auch viele Mitglieder der Besatzung erkrankten und starben. Immer wieder wurde das Totenschiff in Quarantäne genommen. Letztendlich überlebten nur wenige. Der Schiffsagent und seine Komplizen wollten den Kurs ändern, um Smyrna, das heutige Izmir, anzulaufen.
Doch der nautische Kapitän des Schiffes, der angesichts der Hunderten von Toten zu ahnen begann, dass diese Epidemie das Resultat eines teuflischen Plans war, verhinderte den Kurswechsel und steuerte die MALACCA schließlich nach wochenlangen Irrfahrten an ihren Bestimmungsort. Auch Robert Kraft befiel das Fieber und er kam ins Deutsche Krankenhaus von Konstantinopel.
Er überlebte dank der Pflege der dort arbeitenden Ärzte und Schwestern und erfuhr schließlich die Hintergründe des bösen Komplotts. Der Schiffsagent und seine Komplizen hatten die Epidemie unter den Pilgerreisenden verursacht, um an die Wertsachen der Toten heranzukommen. In Smyrna hatten sie dann vor, sich mit dem zusammengeraubten Besitz abzusetzen. Nun wartete der Galgen auf die Verbrecher.

In der Stationsbibliothek

Kaum genesen, musste Kraft nach Deutschland zurück, um seinen Wehrdienst abzuleisten. Er kam zur II. Matrosendivision der Kaiserlichen Marine nach Wilhelmshaven. Drei Jahre dauerte der Dienst. Es gelang ihm, in die Stationsbücherei der Stadtkaserne abkommandiert zu werden. Hier entdeckte er zum ersten Mal in größerem Umfang die Welt der Literatur und er konnte sich den Grundstock jenes umfangreichen Wissens aneignen, das er in seiner späteren literarischen Arbeit so oft nutzen sollte.
Nahezu jeder, der sich mit dem Werk Robert Krafts beschäftigt, kommt zu dem Schluss, dass der Autor zu den belesensten und am besten informierten Kolportageschriftstellern seiner Zeit zählte.
Im zweiten Band des „Graf von Saint Germain“ verrät Kraft in einem autobiografischen Einschub, der seine Zeit in London reflektiert, eine Methode, sich einen umfassenden Wissensschatz anzueignen. Er empfiehlt den Kauf einer mehrbändigen Enzyklopädie und jeden Begriff darin nachzuschlagen, den man irgendwo aufschnappt, aber nicht kennt. Egal, ob es sich um ein technisches Verfahren, einen chemischen Prozess, historische Ereignisse, Zusammenhänge der Biologie oder sonstige Fragen handelt. Dabei solle man alle Querverweise und neu auftauchenden Begriffe in diesen Artikeln ebenfalls nachschlagen. Er verspricht, dass man sich auf diesem ‚wilden’ Weg irgendwann die komplette Enzyklopädie wissensmäßig aneignen könne.
Diese bewusste Entscheidung für ein scheinbar nichtsystematisches Arbeiten und Denken ist erstaunlich modern. Heute haben Suchmaschinen und Wikipedia die Enzyklopädie ersetzt. Bedingt durch die zahllosen Links ist ‚wildes’ Lernen und Denken mittlerweile selbstverständlich. Wer im Netz recherchiert, kann rasch die Vorteile der nichtlinearen Wissens­aneignung erfahren, die der klassischen, hierarchischen Informationsvermittlung oft überlegen ist. Nicht zuletzt entspricht die Nichtlinearität der Informationsverarbeitung der natürlichen, neuronalen Struktur des Gehirns.

Vom Meisterschwimmer zur Heilsarmee

Ein Vorfall aus der Militärzeit verdient eine besondere Erwähnung, da er ein Schlaglicht auf Robert Krafts Charakter wirft. Das Wilhelmshavener Tageblatt berichtete am 29. August 1893:
„Eine kolossale Leistung hat gestern der Matrose Kraft der II. Komp. der II. Matr.-Div. fertig gebracht. Derselbe durchschwamm um 10 Uhr 50 Min. morgens von den neuen Moolen beginnend, die Jade in 4 Stunden 10 Min. Kraft legte die Strecke von hier nach Eckwarderhörne ohne Begleitboot zurück und hat damit eine von ihm am Tag zuvor eingegangene Wette glänzend gewonnen. Die Entfernung zwischen den beiden Endpunkten der abgeschwommenen Strecke beträgt 4 ½ Kilometer.“
Diese Aktion erregte einiges Aufsehen. Zum einen hatte vorher noch niemand gewagt, den Jadebusen wegen der Strömungen ohne Begleitboot zu durchschwimmen. Zum anderen kassierte Kraft deswegen von seinen Vorgesetzten erst einmal der Ordnung halber drei Tage Arrest, schließlich hatte er leichtfertig sein Leben riskiert. Andererseits machte die Nachricht dieser tollkühnen Leistung die Runde und führte schließlich sogar dazu, dass Robert Kraft Kaiser Wilhelm II. vorgestellt wurde.
Ende 1893 endete die Militärzeit. Nach einem kurzen Intermezzo in Leipzig fuhr Kraft im Frühjahr 1894 nach London. Wie üblich ging ihm rasch das Geld aus und er landete bei der Suche nach einem Dach über dem Kopf, nach Arbeit und Brot im Labour Bureau der Londoner Heilsarmee.
In seiner autobiografischen Erzählung „Fünf Wochen in der Heilsarmee“ schildert er diese Episode, die einem weiteren Aufenthalt in Ägypten voranging.

Derwische, Assassinen und die Jagd in der Wüste

Nach Port Said gelangte Robert Kraft wieder als Matrose und von dort begab er sich zur Oase Fayum in der Libyschen Wüste. Sein Ziel war das Gebiet um den Mörissee. Er hatte sich schon während seines ersten Ägyptenaufenthalts vorgenommen, sich irgendwann in der Wüste als Jäger niederzulassen. Heute würde man jemanden wie ihn als Aussteiger bezeichnen. In Fayum traf er auf den deutschen Ingenieur Grothe, durch den er einen Scheikh der Rufai-Derwische kennen lernte. Diese Sekte bezeichnete sich als die legitimen Nachfahren der Assassinen und behauptete von sich, im Besitz von Hassans Schlüssel zum Paradies zu sein.
Es ist nicht bekannt, ob Kraft in jener Zeit mit Haschisch oder anderen Drogen jener Region in Berührung kam, aber ziemlich wahrscheinlich. Letztlich zeigte er sich von der – wie er schrieb – „verbotenen Teufelskunst“ der Derwische sehr beeindruckt und verarbeitete die Erlebnisse nur wenige Jahre später in dem Roman „Der Schlüssel zum Paradies“.
Fest steht, dass sich Robert Kraft in jener Phase seines Lebens erstmals intensiver mit übersinnlichen Phänomenen beschäftigte, die sich als basisbildendes, phantastisches Element durch weite Teile seines Werkes ziehen. Durchweg begleitet von westlichem Skeptizismus, der an Dinge wie Spiritismus nicht glauben mag, ist er gleichzeitig davon fasziniert. In dieser Dualität zwischen aufgeklärtem Rationalismus und dem Hang zum Unerklärlichen ist Kraft ein Nachfolger der Spätromantik.
Endlich kann er seinen Wunsch in die Tat umsetzen, zurückgezogen als Jäger und Einsiedler in der Wüste zu leben. Er ließ sich von Ingenieur Grothe mit Munition und anderen lebensnotwendigen Dingen versorgen und lieferte im Gegenzug Felle und andere Jagdtrophäen.
Doch schon bald vollzog sich in seinem Inneren, zuerst unbemerkt, dann immer deutlicher, ein Prozess der Wandlung. Die Einsamkeit machte den ohnehin wunderlichen Europäer noch exzentrischer und empfindsamer für die ihn umgebende Natur. Er war den Menschen entflohen, um nicht mehr sprechen zu müssen. Jeder Kontakt zu anderen Menschen erinnerte ihn an seine eigene sprachliche Behinderung.
Stattdessen begann er nun in der Einsamkeit der Wüste mit den Tieren und den ihn umgebenden Dingen zu sprechen und war bald nicht mehr in der Lage, Füchse, Hyänen und andere Wüstentiere zu töten.

Die Augen der Sphinx

Zum prägendsten Erlebnis jener Zeit wurde jedoch eine – wie Kraft schildert – unter äußerst merkwürdigen Umständen gemachte Entdeckung. Eines Tages schoss er einen Geier. Der tote Vogel fiel in die Ruinen eines alten, aufgegebenen Araberdorfes, und zwar in das Innere eines gemauerten Ofens, dessen Kamin die Form eines Türmchens hatte. Kraft kletterte auf den Ofen und sprang hinein. Doch der Aufprall ließ ihn durch den Boden brechen und er stürzte in ein tieferliegendes Gewölbe, eine Grabkammer, wo er das Bewusstsein verlor.
Als er wieder erwachte, fand er neben sich auf dem Boden eine kleine antike Figur, eine Sphinx mit roten Augen. Zuvor – so schrieb er später – war ihm das gleiche Wesen während seiner Ohnmacht in wirren Träumen erschienen und hatte ihm mittels der rotglühenden Augen und ohne zu sprechen eine Art Film ins Gehirn projiziert, dessen Bilder sich dem Einsiedler tief einprägten. Als Kraft später aus der eingestürzten Grabkammer kletterte, steckte er die kleine Figur ein. Sie sollte seitdem als ständiger Quell der Inspiration auf seinem Arbeitstisch stehen. Was auch immer man von der Geschichte der Entdeckung dieser Sphinx halten mag, die Figur an sich existierte. Womöglich befindet sie sich heute im Besitz des Karl-May-Verlags in Bamberg.
Allmählich kristallisierte sich in seinem Bewusstsein die Erkenntnis, dass ihn die selbstgewählte Einsamkeit in der Wüste zunehmend vom Leben entfremdete, statt ihm zum erhofften Glück der Selbsterkenntnis zu verhelfen.
Er ging nach Alexandria, heuerte auf dem nächsten Schiff an, mit dem er zurück nach London fuhr.

In den Niederungen der Trivial­literatur

Mit einer Kleinanzeige im Börsenblatt des Jahres 1896 suchte Robert Kraft von London aus einen deutschen Verleger und verkaufte seine erste Novelle. Schon ein Jahr zuvor hatte er auf Anraten eines deutschstämmigen Bekannten bereits Kontakt mit dem Münchmeyer-Verlag in Dresden aufgenommen, für den er nun begann, „Schmutzliteratur“ zu schreiben.
Bei Münchmeyer handelte es sich immerhin um einen für die Werke Karl Mays wichtigen Verlag, dessen Kolportageromane wie „Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde“ hier erschienen. Während Karl May später in jahrelangen Prozessen mit Münchmeyer seelisch fast an den „literarischen Sünden“ seiner Kolportagezeit zerbrach, bedeutete das Verfassen von Kolportageliteratur auch für Kraft von Anfang an einen inneren Kampf mit seinen eigenen Ansprüchen, den er nicht gewinnen konnte. Stets nach Höherem strebend, verfasste er die anfänglich von ihm verachteten „Schmutz- und Schund-Romane“ mit dem zwiespältigen Gefühl, diese Arbeit ausschließlich des Geldes wegen tun zu müssen.
Dass die Arbeit für Münchmeyer tatsächlich Anlass für zwiespältige Gefühle bot, wenn auch aus ganz anderen Gründen, sollte Kraft erfahren, als er die ersten gedruckten Hefte seiner Reihe „Die Vestalinnen oder eine Reise um die Erde“ in den Händen hielt, die ab 1895 erschienen. Redaktion und Setzerei gingen nämlich mit den Manuskripten ihrer Autoren mitunter derart frei um, dass Kraft sein ursprüngliches Werk kaum noch wiedererkannte. Aber schon bald war er als Autor für den Verlag so wichtig geworden, dass er derartige redaktionelle Eingriffe erfolgreich unterbinden konnte.
In London hatte sich auch das Privatleben Robert Krafts verändert. Er heiratete am 27. Juni 1895 sechsundzwanzigjährig die ein Jahr jüngere Johanna Mathilda Rehbein, eine Deutsch-Engländerin und Tochter eines Weinhändlers. Das Paar wohnte in Whitechapel, in dem wenige Jahre zuvor Jack the Ripper eine Spur des Grauens hinterlassen hatte. Am 5. April 1896 wurde die erste Tochter Emilie Johanna Sophie Kraft geboren. Ihr erster Name erinnerte an Robert Krafts Vater Emil, mit dem er sich zu dieser Zeit noch immer nicht ausgesöhnt hatte. Dass er dennoch seine Tochter nach ihm nannte, kann man als ein Friedensangebot interpretieren, vor allem aber zeigt es, wie sehr ihn der langjährige Konflikt mit seinem Vater belastete.

Zurück nach Deutschland

Nach zweijährigem Aufenthalt in London beschließt die junge Familie nach Deutschland zurückzukehren. Die größere Nähe zu seinem Verlag mag ein Grund gewesen sein, ein anderer war der Versuch Robert Krafts, sich mit seinem Vater auszusöhnen. Es muss tatsächlich zu einer Normalisierung der angespannten Beziehung gekommen sein, obwohl der Vater auch dem neuen Beruf des Sohnes, der nun voll und ganz in seiner Rolle als Schriftsteller aufging, eher misstrauisch gegenüberstand. Aber die Tatsache, dass Frau und bald zwei Töchter für Robert Kraft nicht nur eine Verpflichtung darstellten, sondern seinem Leben auch einen bürgerlichen Rahmen verliehen, ließ alte Wunden vernarben.
Aber auch das ungeheure Arbeitspen­sum, das Kraft abverlangt wurde, bzw. das er sich selbst auferlegte, konnte seine innere Unruhe nicht dämpfen. Auch als Romanautor, der wöchentlich seine Manuskripte abzuliefern hatte, blieb er un­stet und hielt es selten für längere Zeit an einem Ort aus. Immer wieder musste die Familie umziehen, gelegentlich setzte er sich auch alleine ab und vergrub sich in ländlichen Domizilen, um dort zu arbeiten.
Einmal noch sollte er aus dem anstrengenden Dasein als Fließbandautor ausbrechen. Das war, als sein Vater starb, und ihm ein größeres Vermögen vermachte. Zeitlebens hatte Robert Kraft geradewegs eine Phobie vor Geld. Als Ernährer seiner Familie brauchte er es umso dringender und doch gelang es ihm nie, halbwegs vernünftig zu wirtschaften. Bekam er Geld, gab er es umgehend wieder aus und als die Töchter älter waren, mussten sie mit Klavierunterricht und Näharbeiten zum Familieneinkommen beitragen.
Mit der Erbschaft seines verstorbenen Vaters jedenfalls fühlte sich Robert Kraft in der Lage, endlich dem Joch der Lohnschreiberei entfliehen zu können. Immer schon hatte er das Ziel vor Augen, ein anerkannter Schriftsteller guter Bücher zu werden, der nicht unter der Knute der permanenten Fortsetzung schreiben muss. Die Erbschaft sollte ihn diesem Ziel näher bringen. Zuerst wollte er mitsamt seiner Familie nach Südamerika aufbrechen, um sich am Amazonas niederzulassen. Doch daraus wurde nichts, Frau und Töchter wehrten sich mit Händen und Füßen dagegen.

Roulette des Lebens

Stattdessen reisten die Krafts nun ins europäische Spielerparadies Monte Carlo, wo sich der Autor für die Dauer eines Jahres „zu Studienzwecken“ aufhalten wollte. Möglich, dass er die Erbschaft dort verzockt hat. Jedenfalls war er schon nach kurzer Zeit wieder so mittellos wie zuvor und damit gezwungen, sich erneut der Fron der Kolportage zu unterwerfen.
Henle und Richter schildern in ihrer Biographie den Umgang Robert Krafts mit Geld. Bekam er sein Honorar, so stopfte er sich Münzen und Scheine in die Jackettaschen, ging spazieren und verschenkte das Geld an nahezu jedermann, dem er begegnete. Insgeheim hielt Kraft Geld wohl für böse und dämonisch. Etwas, dessen er sich möglichst schnell wieder entledigen musste.
Es ging wieder nach England und anschließend zurück nach Deutschland.
Ob er in Monte Carlo sein Vermögen verloren hatte, mag, da Belege fehlen, dahingestellt bleiben. Dessen ungeachtet flossen die dort gemachten Erfahrungen umgehend in seine neuen Romane ein. Der zweite Band von Detektiv Nobody spielt in Monaco, und zwar im Casino. Zuerst aber erschien die Novellensammlung „Die Roulette“ (1904) mit den Erzählungen „Im Paradies der Hölle“, „Mon­sieur Automate“ und „Lila Nachtschatten“. Ebenfalls vom Monaco-Aufenthalt inspiriert war die Erzählung „Der Prinz von Monte Carlo“, die jedoch nicht als eigenständiges Werk erschien. Kraft verwendete sie später, als er – wie so oft – in terminliche Engpässe geriet, als Teil des oben erwähnten Nobody-Bandes.
Robert Kraft starb plötzlich am 10. Mai 1916 in Haffkrug, einem Heilbad an der Ostsee, in das er sich wegen eines Magenleidens zurückgezogen hatte. In der Mitte des Ersten Weltkriegs war die anfängliche Euphorie längst verflogen, die weite Teile der Völker Europas erfasst hatte. Angesichts von Stellungskrieg und dem namenlosem Schrecken bisher unvorstellbarer Materialschlachten, in denen das menschliche Individuum nichts mehr zählte, beherrschte die Menschen stattdessen ein Gefühl der Leere und der Ohnmacht. Der Tod des 46jährigen Robert Kraft ließ seine Frau und die beiden Töchter in ärmlichsten Verhältnissen zurück.
Er hatte in den gut zwei Jahrzehnten seiner schriftstellerischen Arbeit ein Werk geschaffen, das sich vom Umfang her mit dem von Karl May messen lässt, obwohl dem „Mayster“ für sein Werk gut doppelt so viel Zeit zur Verfügung stand. Doch Krafts Familie konnte davon kaum profitieren.
Zu den letzten, nicht mehr ausgeführten Romanplänen Robert Krafts gehörte die Serie „Mysterien des Magus“, in denen er unter anderem eine Gegenerde beschreiben wollte, die – der Erde genau gegenüber – auf der gleichen Umlaufbahn die Sonne umkreist. Nur eine Handvoll Eingeweihte wissen von ihrer Existenz und haben die technische Möglichkeit, dorthin zu gelangen. Eine Idee, die gut ein halbes Jahrhundert später von dem Amerikaner John Normann im „Gor-Zyklus“ wieder aufgegriffen wurde.
Schon 1901 hatte Kraft in Heft 4 der Reihe „Aus dem Reiche der Phantasie“ mit dem schönen Titel „Der Weltallschiffer“ das Konzept der Gegenerde, die sich hinter der Sonne befindet und deshalb von unserem Planeten aus nicht sichtbar ist, entwickelt.
Seit der Frühromantik gehören Geheimbünde und Verschwörungstheorien zu einem beliebten Motiv in der Unterhaltungsliteratur. So auch in Krafts Werk. „Loke Klingsor, der Mann mit den Teufelsaugen“ ist eine Romanserie, die erst posthum 1927 im Verlag Theodor Remert herauskam. Der Protagonist und die Mitglieder seines Bundes der Skalden sind dazu fähig, Raum und Zeit beliebig zu durchdringen. Sie befinden sich im Kampf mit einem anderen Geheimbund aus Schwarz-Magiern, die die Weltherrschaft anstreben. Auch Loke Klingsor konnte Robert Kraft nicht mehr vollenden, das letzte Drittel stammt von Johannes Jühling. Die Zeit, in der Kraft diese Romane schrieb, ist von Paradigmenwechseln in Physik und Kunst geprägt. Schon vor Beginn des Ersten Weltkriegs experimentierten Künstler wie Pablo Picasso oder Marcel Duchamp mit der Abstraktion in der Malerei, durch die verschiedene raum-zeitliche Ebenen in einem Bild auftauchen können, während Albert Einstein seine Überlegungen zur Relativitätstheorie veröffentlichte.
Offensichtlich erhielt Kraft schon in seiner Londoner Zeit die ersten Inspirationen zu Loke Klingsor. Damals hatte der australische, in London lebende Autor Guy Boothby gerade seinen ersten Dr. Nikola Roman herausgebracht. „A Bid of Fortune, or Dr. Nikola’s Vendetta“ aus dem Jahre 1895 präsentierte der Welt den ersten Serienschurken, Vorbild nicht nur für Robert Kraft, sondern auch viele weitere Autoren wie Norbert Jacques und seine Figur des Dr. Mabuse.

Kraft und May II

Robert Kraft lernte den berühmten Kollegen noch zu dessen Zeit bei Münchmeyer kennen. Mit dem Karl-May-Verleger Dr. Euchar Albrecht Schmid freundete er sich im Sommer 1910 an. Dr. Schmid gründete im Jahr 1913, ein Jahr nach Mays Tod, den Karl-May-Verlag in Radebeul bei Dresden. Damit wurde für das Werk Karl Mays eine perfekte Plattform geschaffen, die dafür verantwortlich ist, dass die Bücher des großen Volksschriftstellers noch heute lieferbar und vor allem im öffentlichen Bewusstsein verankert sind.
Dr. Schmid schätzte auch das Werk Robert Krafts sehr und verfolgte nach dessen Tod ähnlich umfassende verlegerische Pläne. Trotz des Widerstands der Witwe Karl Mays, die am Karl-May-Verlag beteiligt war und Krafts Romane rundweg ablehnte, kaufte Dr. Schmid nach und nach die Rechte zahlloser Romane von Robert Kraft bei dessen alten Verlegern auf. Schmid hatte Kraft noch zu dessen Lebzeiten von seinen Plänen geschrieben, neben dem Karl-May-Verlag einen weiteren Verlag zu gründen, in dem er sich u.a. dem Werk Krafts widmen wollte.
Zu den letzten Arbeiten Robert Krafts zählt der Titel „Untersee-Teufel“, der 1918 posthum im Verlag Haupt & Hammon, Radebeul erschien. Schmid hatte sein Vorhaben realisiert und diesen Verlagsmantel erworben, um eine publizistische Heimat für andere Autoren zu haben. „Untersee-Teufel“ erschien übrigens als phantastischer Roman eines Autors namens Knut Larsen. Dieses Pseudonym hatte sich Kraft ausgesucht, um sich vom Kolportage-Image zu lösen. Bis an sein Lebensende quälte ihn der schlechte Ruf des Unterhaltungsautors.
Trotz des Engagements von Dr. E. A. Schmid erfuhr Krafts Werk nicht die gleiche verlegerische Aufmerksamkeit wie man sie den Büchern Karl Mays schenkte. Im Zweifel – das hieß bei finanziellen Engpässen im Verlag – gab man immer dem Hauptautor den Vorzug. Unter rein ökonomischen Gesichtspunkten eine verständliche Entscheidung, aber eine mit Folgen. Denn nach der großen Popularität, die das Werk Krafts noch in den zwanziger Jahren genoss, gerieten seine Bücher ab den dreißiger Jahren mehr und mehr in Vergessenheit. Bei dieser Entwicklung müssen natürlich auch die Beeinträchtigungen, Eingriffe und Veränderungen in die Verlagslandschaft seitens der NS-Diktatur berücksichtigt werden. Während sich im Dritten Reich herumsprach, dass Hitler Karl-May-Bücher auf dem Nachttisch liegen hatte, war ein Autor, der sich offen gegen Rassismus eingesetzt hatte, nicht mehr opportun.
Ein anderer Grund für die mangelnde Aufmerksamkeit, die man Kraft posthum im Verlag gönnte, hatte mit den Vorbehalten von Karl Mays Witwe gegen die Bücher Krafts zu tun. Hinter den Verlagskulissen tat sie alles, um einen womöglich größeren Erfolg der Romane Krafts im Vergleich zu den Werken ihres Mannes zu verhindern.

Flüchtiger Ruhm

Detektiv Nobody sollte sich zum erfolgreichsten Werk Robert Krafts entwickeln. 1920/21 sogar von P. O. Monty verfilmt, erschienen von den Nobody-Bänden auch eine Reihe fremdsprachiger Ausgaben. Besonders in Tschechien wurden Nobody-Romane bis in die späten 1970er Jahre immer wieder neu herausgegeben. Romane Krafts wurden aber auch in andere Sprachen übersetzt. Neben schwedischen Ausgaben der Vestalinnen oder im „Aero­plan um die Erde“ sind auch französische Ausgaben des Lieferungsromans „Atalanta, die Geheimnisse des Sklavensees“ bekannt, russische Übersetzungen wie „Na Awtomobile wokrug Sweta“ (Im Panzerautomobil um die Erde) und anderer Romane und sogar eine osmanische Ausgabe von Atalanta.
Nach dem zweiten Weltkrieg und der Umsiedlung des Karl-May-Verlags nach Bamberg, gab es in der Reihe „Welt der Abenteuer. Meisterwerke der Spannung“ einige Neuauflagen von bearbeiteten Romanen Robert Krafts. Auch diese Bände, wie „Goldschiff und Vulkan“ (1963) oder die vierbändige Ausgabe von „Wir Seezigeuner“ (1964 – 1968), sind mittlerweile gesuchte Raritäten. In den 1990er Jahren belebte man beim Karl-May-Verlag die Edition USTAD wieder, in der eine vierbändige Kassette unter dem Titel „Die Augen der Sphinx“ (1996) erschien. Ein Jahr später schob man noch den Band „König König“ nach. Auch diese Bände sind inzwischen nur noch antiquarisch erhältlich.

Kraft heute

Für jemanden, der Robert Kraft neu entdecken will, hat sich die Situation in den letzten Jahren verbessert. Schon seit längerem kursiert im Fandom eine Reihe von Reprints alter Lieferungshefte, aber diese haben nur Liebhaberauflagen von ein- bis zweihundert Exemplaren und sind heute nur noch mühselig aufzutreiben. Manchmal ist es einfacher, an Original-Lieferungshefte der Verlage Münchmeyer oder Remert heranzukommen.
Lohnenswert für Bibliophile sind allemal die schön gestalteten Bände aus der Edition Braatz & Mayrhofer (Leipzig, Wien).
Als preisgünstige Alternative sind inzwischen etliche Romane Krafts für kleines Geld – mitunter sogar umsonst – als eBooks erhältlich.
Im Zusammenhang mit Krafts Werk müssen noch viele Fragen beantwortet werden. Etwa die, ob der unterschwellige Antisemitismus, der punktuell in seinen Texten aufschimmert, dem wilhelminischen Zeitgeist geschuldet ist – wie Henle und Richter, ohne es explizit auszuführen, in ihrer Biographie vermuten. Für Kraft spricht immerhin, dass er ansonsten kein Rassist war. Natürlich müssen seine Äußerungen etwa über Farbige im Kontext einer Zeit gelesen werden, in der Imperialismus und Kolonialismus zum Alltag gehörten. Was sich letztlich auch im deutschen Sprachgebrauch niederschlug, man denke nur an Begriffe wie Kolonialwarenhandlung.
Wichtig wäre auch eine Diskussion, in der seine Bücher mit denen anderer Autoren des 19. Jahrhunderts verglichen werden. Auch wenn Robert Kraft heute zu den großen Unbekannten der Abenteuerliteratur zählt, ist sein Einfluss immer noch spürbar. Einer der wesentlichen Vorläufer von PERRY RHODAN etwa, die Vorkriegsserie SUN KOH von Lok Myler, alias Freder van Holk (d. i. Paul A. Müller), greift in etlichen Motiven auf Krafts Detektiv Nobody zurück. Schon die Einführung der beiden Helden ist ähnlich. Während Nobody quasi schaumgeboren, nackt dem Meer entsteigt und auf Long Island ein Hotel betritt, taucht Sun Koh ohne jede Erinnerung an das, was vorher geschehen ist, im Schlafanzug mitten in London auf und betritt das Excelsior.
Beide Auftritte symbolisieren einerseits eine gewisse naive Unschuld, andererseits leiten sich daraus aber auch die natürliche Überlegenheit und die Ansprüche der Helden ab. Bei allem altmodischen Pathos ist das auch heute noch ein bemerkenswertes Bild dafür, dass man mit nichts – außer sich selbst – alles erreichen kann.





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Robert Kraft, 1869 – 1916, Unter den Augen der Sphinx
Eine Biographie von W. Henle und P. Richter
375 Seiten, zahlreiche Abbildungen in Farbe und s/w, Hardcover, Leipzig & Wien, 2005, Edition Braatz & Mayrhofer,
www.robert-kraft.de

Henle und Richter haben mit ihrer Robert-Kraft-Biographie ein sorgfältig recherchiertes Grundlagenwerk verfasst, das trotz seiner Fülle an Detailinformationen eine spannend zu lesende Lebensbeschreibung des Ausnahmeautors bietet. Kein Wunder, bot doch das ebenso legenden- wie abenteuerreiche Leben Robert Krafts eine Überfülle an Ereignissen, die durch keine Romanhandlung mehr zu überbieten waren. Dabei gelingt es Henle und Richter sich durch das Dickicht aus Fakten und Fiktionen zu schlagen, ohne den zahlreichen Legenden auf den Leim zu gehen. Schließlich war das, was Kraft als Seemann und Reisender erlebte, ohnehin schon abenteuerlich genug. Zudem bietet das Buch einen guten Eindruck der Phantasie- und Gedankenwelt Robert Krafts und offeriert einen perfekten ersten Überblick über das gewaltige Werk dieses zu Unrecht vergessenen Klassikers der phantastischen Literatur. Dieses Buch ist nicht nur unverzichtbar für jeden Fan der Romane Robert Krafts, sondern auch jeden, der sich generell für Abenteuer- und Kolportageliteratur interessiert.

Ursprünglich erschienen in phantastisch! Nr. 19 und 20, 2005
Überarbeitet für das Buch „1. Robert-Kraft-Symposium“ 2016
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Links:
www.phantastisch.net